Lyrik & Prosa-LogoAlfred-Müller-Felsenburg-Preis-Verleihung 2012


Am 25.November 2012 wurde der "Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2012"
im Rahmen des Projekts "literaturland westfalen" an

Thorsten Trelenberg erhält den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2012, Foto (A): Birgitta Nicolas (hf1112)

Thorsten Trelenberg

vergeben!
 

  Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises: (v.l.) Claudia Wädlich (Laudatorin), Michael Fallenstein (Sohn von Alfred Müller-Felsenburg). Foto: Birgitta Nicolas (hf1112)
Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises: (v.l.) Claudia Wädlich (Laudatorin), Michael Fallenstein (Sohn von Alfred Müller-Felsenburg),
Rudolf Damm, Thorsten Trelenberg, Ursula Meise (Stellvertr. Bürgermeisterin Schwerte), Pit Böhle (Geschäftsführer Westf. Literaturbüro),
Hans-Werner Gey, Aurelia M. Reuter (Musikerin und Künstlerin)

Nicolaihaus in Unna, Foto: (c) Kreisstadt Unna (hf1112) Pit Böhle, Geschäftsführer des Westf.Literaturbüros begrüßt die Gäste, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Claudia Wädlich hält die Laudatio auf Thorsten Trelenberg, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Thorsten Trelenberg lauscht Aurelia M. Reuter am Flügel, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Pit Böhle überreicht Thorsten Trelenberg die Urkunde und die Flasche "ehrlichen Landweins" , Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Pit Böhle gratuliert Thorsten Trelenberg, links: Rudolf Damm, in der Mitte: Bürgermeisterin Ursula Meise, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112)  Michael Fallenstein spricht spontan über seinen Vater Alfred Müller-Felsenburg, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Gespannte Aufmerksamkeit bei der Lesung von Thorsten Trelenberg, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112)  Gespannte Aufmerksamkeit bei der Lesung von Thorsten Trelenberg, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112)  Thorsten Trelenberg bei seinre eindrucksvollen Lesung, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Thorsten Trelenberg liest, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Das Publikum bedankt sich bei Thorsten Trelenberg für seine eindrucksvolle Lesung, Foto: Birgitta Nicolas (hf1112) Aurora M. Reuter beschließt die Veranstaltung musikalisch, Foto (A): Birgitta Nicolas (hf1112)

         Die Fotos stellte uns Birgitta Nicolas
freundlicherweise zur Verfügung. Wir danken ihr dafür ganz besonders.

...und auch etwas im Dortmunder/Schwerter Stadtmagazin!

 

Alfred Müller-Felsenburg, 1999 Literaturland Westfalen-Partnerlogo
***

Claudia Wädlich hält die Laudatio auf Thorsten Trelenberg, Foto (A): Birgitta Nicolas (hf1112)Die Laudatio auf Thorsten Trelenberg,
von Claudia Wädlich

Sehr verehrte Anwesende,
Frau Bürgermeisterin Meise.
Herr Fallenstein, Sohn des Preisstifters Alfred Müller-Felsenburg.
Herr Damm,
Herr Böhle vom Westfälischen Literaturbüro
und Herr Gey von der Lyrikwelt,
lieber Thorsten Trelenberg

Als diesjährige Laudatorin, die ein paar Worte zum umfangreichen Werk des Dichters, Flusspoeten, Erzählers, Kinderbuchautoren, Malers und Fotografen sowie Grenzüberschreiters in Sachen Literatur und bildende Kunst - Herrn Thorsten Trelenberg -  finden soll, möchte ich Sie zunächst mit seiner Biographie und danach mit einigen Eckpunkten seines Schaffens vertraut machen, um Ihnen seine Preiswürdigkeit vor Augen zu führen.

Thorsten Trelenberg, Jahrgang 1963, rühmt sich, in dem Jahr das "berühmte Licht" der Welt in Schwerte erblickt zu haben, als Präsident Kennedy sein unvergessenes "Ich bin ein Berliner !" den 400.000 Menschen vor dem Schöneberger Rathaus zurief und " Martin Luther King " von der Zeitschrift " Time " zum Mann des Jahres gewählt wurde.

Ob diese Ereignisse entscheidend für seinen weiteren Lebensverlauf waren, mag dahingestellt bleiben. Urteilen Sie selbst.

Jedenfalls tritt er am 31.01. 2002 in der Lesung der VHS Wuppertal gegen Gewalt, Rassismus und  Fremdenfeindlichkeit auf.

So auch in der Lesung "Tag des Flüchtlings" in der Fussgängerzone Schwerte, weiterhin in der Lesung "60 Jahre Kriegsende" mit Stadtteilwanderung in Recklinghausen.

1963 war zugleich das Jahr des Postzugsüberfalls von Glasgow nach London. Und aus den Lautsprechern ertönte der Hit des Jahres "Junge komm bald wieder" .

Am 6.06.2007 tritt er im Knast / Hafthaus Herne mit seiner Performance "Adam verstrickt" auf.

Und als er nach seinen Berufsjahren als Pharmareferent und Feuerwehrmann berufsunfähig wird, da verschwindet er nicht in der Versenkung einer unbedeutenden Vita. Nein, er findet Mitte der neunziger Jahre unerwartet zu " ersten schriftstellerischen Ambitionen ".

2005 wird der in einem bücherlosen Elternhaus aufgewachsene Lyriker bereits zum Ernst-Meister-Förderpreis in Hagen nominiert, hat vor gut fünfzehn Jahren sein Zuhause bei seiner Lebensgefährtin Birgitta Nicolas gefunden.

Soviel zu seinem biographischen Hintergrund, der als Basis für ein späteres lyrisches Schaffen nicht als unbedingt angesehen werden kann.

Und doch findet er seine Affinität zur Poesie bereits in Momenten seiner nüchternen und anstrengenden Berufsausübung.

In der Welt der Literatur, insbesondere der Dichtkunst, die sich ihm seit den Achtzigern erschliesst und "die Wahrnehmung, das Eintauchen ins Lebens lehrt, in die atemberaubende Farbvielfalt des Daseins" , wie er in diesem Jahr in dem Interview mit Kirsten Niesler für Lyrikintern preisgibt.

Sein Leben bestimmt seither die Lyrik. Und der Dichter Thorsten Trelenberg lebt die Poesie im wahrsten Sinne des Wortes. Er schöpft aus ihr sich selbst heraus.

Sie ist somit zu seiner unmittelbaren Lebensart und seinem Verständnis von Leben, von Wiedergabe von Erfahrung, Wahrnehmung, Auffassung, Einstellung, Haltung und Kommentierung geworden. Und ohne sie würde er nicht leben, hätte er ein "ungelebtes Leben" , wie er selbst angibt.

1098 Gedichte sind seither zustande gekommen, die Hälfte noch unveröffentlicht. Fünf Gedichtbände, eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit seiner Lyrik erfolgt anschliessend. Sie wird fassbar in Objekten, Bildern (sog. Gedichtobjekten), collagenartigen Theaterinszenierungen und temporären Lyrikinstallationen, wie geschehen 2007 in Herne vor dem Westfälischen Archäologischen Landesmuseum.

Gedichte, in Folien geschützt, hingen im Baum wie sprachliche Lichter im Weihnachtsbaum. Oder wie buddhistische Textfahnen, die der Wind bewegt, hinweg weht ?
 

Was treibt Thorsten Trelenberg um, dass er zum hochwertigen Lyriker mit einfachen bestechenden Sprachbildern wird ?

Nehmen wir seinen Gedichtband "Für das Erinnern". Ein poetisches Mahnmal gegen das Vergessen.

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang, dass der "Alfred Müller-Felsenburg-Preis" für "aufrechte Literatur" vergeben wird.

Paul Celan schrieb in der Finsternis der Zeit den Satz : "Die Urnen der Stille sind leer" .

Das Vergessen, das Schweigen, die Stille. Sie durchziehen wie ein roter Faden die Verse von Thorsten.

In unseren Zeiten der Reizüberflutung, ständiger schlechter Nachrichten über Kriege, Bürgerkriege, Anschläge, Völkermorde, Naturkatastrophen wie Erdbeben, vor uns tagtäglich in Printmedien und Internet ausgebreitet, kann die Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit schnell überlagert werden und somit der Vergessenheit anheimfallen.

Erosion der Erinnerung. Vergänglichkeit des Gedächtnisses.

 Ich habe diesen Prozess selbst erleben und hinnehmen müssen, als ich 1997 den Anschlag von Luxor überlebte und seither so viele medienträchtigere Anschläge erfolgten, dass sich niemand mehr so recht erinnern kann, was und wo war denn damals ?

Was kann ein Dichter tun, um die Erinnerung wach zu halten ?

Sätze formulieren, die in einem Mass der Reduzierung das Ungeheure, nicht Fassbare, unmittelbar vor Augen führen.

Das grausam Erlittene in den Nachgeborenen wie eine assoziative Erinnerung erstehen zu lassen. Aber auch gleichzeitig die menschlichen Unzulänglichkeiten herausarbeiten, die das tödliche Geschehen zur Folge haben, wie Feigheit und Ehrenwortbruch.

Und beides gelingt Thorsten Trelenberg in seinem poetischen Mahnmal gegen das Vergessen.

Er sagte, "dass ein gutes Gedicht ihn berühren, etwas in ihm freisetzen muss, ihm das Gefühl geben" auf diesen Satz habe er gewartet.

Und dazu kann ich nur bemerken, die Erinnerungskultur hat auf seine Sätze gewartet.

Angst
....

Aber diese Angst

                       Angst ist

In meinem Kopf

                        lebt mich

Splittert meine Gedanken

Zersplittert mich

         -

Und immer dieses

                     Zittern

oder :

Ankunft
....

Schwarzer Rauch Feuerregen
Süsslicher Geruch
Bestätigung der Vorahnung

Dass Menschen so brennen
sollten konnten wir uns nicht vorstellen


Ehrenwort

Das Ehrenwort des Kommandanten
der versicherte es werde niemand
getötet war noch nicht ganz verklungen
da tauchten die Soldaten aus dem Weinberg
auf und begannen sofort zu schießen

Die Kinder wollen in die Schule
rennen wollen sich dort
verstecken ...

Jetzt färbt ihr Blut den Schnee
rot
Die Schrift in den Schulheften
verläuft
Der Schnee weicht die Hefte
auf 

Die Kinder wollten in die Schule
rennen wollten sich dort
verstecken ...

Jetzt friert der eisige Wind
das Entsetzen
auf den Kindergesichtern ein ...

oder in einer sehr prägnanten Metapher seines Gedichts

Einzelhaft:

Fenster
gittern
Hoffnungen

Schon längst hat sich der Tod in
ein anderes Schlachtfeld verliebt

Die längst verbrannten
Augen fragen
aber auch noch heute
    fragen
auch noch heute

     WARUM ?

Der "StadtLandFlusspoet" der er in seinem gleichnamigen Gedichtband ist, zeigt ihn auf seinem Traktor sitzend, auf einem Land, einer Scholle die er nicht besitzt. Er durchpflügt das Terrain nach unseren " verletzten Wirklichkeiten im Kreislauf des unaufhörlichen Vergessens, wie er sich in seinem Gedicht "Annäherung" äussert, einer Art von Zustandspoetik :

"Nur die Schwalbe schwingt unermüdlich ihre
Flügel unterm Sternenzelt und hat keine Angst
Vor dem Dunkel unseres inneren Afrikas"

Zur Klangweltencollage erweitert er im Tonstudio Dortmund seine Gedichte " Stummer Gesang " :

....

Nichts
Als ein Schweigen
Umkreist
Den Gesang der Luft

Es war

ein Montag
   Mit ein paar Haufenwolken

Und nichts
veränderte
   Den Lauf der Welt

...

Schweigen
Und doch Aufruhr
im Kopf

Und draussen
Dieser tägliche Kampf
Gegen die Dummheit

oder in seinen zahlreichen Liebesgedichten, deren Kosmos und verschiedener Sinn sich auf wenige Worte beschränken:

Später Liebe

                       Kammer
Spiele Gegen
Warten
 

Oder er zieht ein Resümee aus stummer Vergangenheit:

Mir ist

Wind umkreist die leere Hütte
Erloschenes Schweigen verweht in meinem Mund

....

Mir ist
als wäre Unkraut auf entgleisten Schienen
Nunmehr bunter Trauerflor

....

Mir ist

Als kämen in schmerzhaft geparkter Landschaft
Gehetzte Zeit und auch mein Herz zur Ruhe

 

In seinem Gedicht "Untergänge" spielt er mit der semantischen Umkehr von Wörtern:
Liebesgedichte
&
Sonnenuntergänge
Sind mir lieber
Als
Sonnengedichte
&
Liebesuntergänge

( dass Du, Thorsten, keine ramessidischen Sonnenhymnen magst, werde ich Dir nie verzeihen. Das nur am Rande bemerkt ).

Die Welt der Klagen. Auch im alten Ägypten ein beliebtes Thema in der Literatur, denkt man dabei an Ipuwer.

Thorsten gelingt das Kunststück

Klagemauer

die er auf die trennende Mauer von Ost und West bezieht.

Bemerkenswert scheint mir der Satz zu sein, den er als Resümee der entstandenen und versprochenen Freiheit zieht:

Schon überwachen wieder erste
Grosse Brüder
      erste
Kleine Bürger

Seine gesellschaftlichen Betrachtungen haben durchaus eine tiefgehende politische Dimension. Die er mit sprachlich schillernden Kommentare, versieht, oftmals mit einer humorvollen Pointe garniert. Sie gerieren zum überbordenden Lachen über den traurig grotesken Zustand unseres Lebens, unserer kleinen Welt. Da empfiehlt er, nicht den Ökonomen, Analysten, Astrologen, Politikern zu glauben, nein:

"Schau zum Fenster hinaus
Vertraue dir Selbst"

So macht er angesichts unlösbarer Krisen Mut und stärkt den Betroffenen den Rücken. In seinen Erzählungen "Der Dritte Stand", "Globalisierte Handtaschen", "Pro Betreungsgeld", "Von Staaten und Völkern".

Mit scharfem analytischen Blick seziert er sprachlich das "Bankenkarzinom" , "H4,AllgII" und "Mein Freund".

Doch Thorsten Trelenberg hätte mit seiner Poetik  " die Urnen der Stille " im Sinne von Paul Celan noch nicht ganz aufgefüllt, würden wir seinen neueren Gedichtband " Wolkenwelten " ausser Acht lassen.

"Wolkenwelten" , eine doppelbödige Metapher, die Bedeutungsschwere in vielschichtiger Hinsicht erahnen lässt.

Er hat ihnen ein Bonmot vorangestellt, das seine ehrliche Überzeugung ist. " Die schönsten Gedichte sind die ungeschriebenen " .

Er stellt sich die folgendermassen vor:

Wolkenwelten

Wir schweigen Wolken
Welten

Gedanken tasten den
Tag

Berühren verratenes
Himmelsnah

Wir schweigen

Träume

Metaphernreiche Naturlyrik, wortgewaltige Impressionen, die Erforschung ganzer Ich Räume in " Raum Traum " und immer wieder die Zeit, das Verrinnen von Zeit, die Frage was bleibt sind nun Inhalt seiner Gedichte. Ein Schuhkarton oder zwei ? Die Erosionen verfallender Erinnerungen.

Titel wie "Nebengleisig", "Meerdeutig" , "Zeitverheilt" . Auf einer Venedigreise die schwindende Zeit.

Und er gibt Einblick in das, welchen Stellenwert Poetik für den Dichter haben kann: 

Ziellos

Durchstreift
Des Dichters Feder
Den Papiernen Tag

Wort gleicht aus

Die drückende Last

Wahrhaftiger, klarer und aufrechter kann man seine Haltung nicht mehr ausdrücken.

Dies tut er auch in seinem früheren Gedichtband kund, das den medizinischen doppeldeutigen Titel " Kopfgeräusche " trägt.

Falschheit

Wohl zeigt sich
die Falschheit
oftmals in ihrem
schönsten Gewand

Jedoch nur um
die Wahrheit
mit einem kalten Lächeln zu ersticken

und im Privaten :

Sichtbar

Sichtbar wird doch alles
erst mit dir

Mach es wie die Nacht mit
den Sternen
wie das Licht mit
den Schatten
wie der Morgen mit
dem Tag

Nimm meine Hand und
zeig mir noch mehr

Mach mich sichtbar

Sichte mich

Zum Schluss noch ein intimes Bekenntnis über die Dichtkunst, ein Hohelied auf die kreative Schaffenskraft, die Ausdruck von Schöpfung und das Gegenteil von Tod, Destruktion, Leere und Verstummen ist und das ich aus vollem Herzen als seine Kollegin unterschreiben kann:

Diesem Moment

Diesem allumfassenden
Gedankenurknall

Diesem Moment
unendlicher Dichte und
Klarheit

Diesem Gefühlstaumel
von Herz Sinnen und
Seele

Diesen Moment
unendlicher Glückseligkeit

einfangen und
auf dem Papier festhalten

Darin liegt die Freiheit
                 des Gedichts.

Wenn man wie Thorsten, die Stille, die Leerzeilen, die Leere gedanklich und sprachlich in Worte fassen, auffüllen kann, dann ist das grosse Kunst im kleinen.

In diesem Sinne gratuliere ich Dir, Thorsten Trelenberg, zum diesjährigen Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur, den Du mit allen Facetten Deines literarischen Könnens verdient hast. Herzlichen Glückwunsch !

(25.November 2012)

***

Rudolf Damm hält die Laudatio auf Alfred Müller-Felsenburg, Foto (A): Birgitta Nicolas (hf1112)Alfred Müller-Felsenburg, 1999Über Alfred Müller-Felsenburg spricht,
Rudolf Damm

Über Alfred Müller-Felsenburg zu sprechen ist kein Problem, denn er hat als Schriftsteller ein reichhaltiges Werk hinterlassen, er hat auch das eine oder andere über sich selbst gesagt und geschrieben, über ihn ist schon viel gesagt worden, seine Vita kann man im Internet u.a. bei „Wikipedia“ und der Website der „Lyrikwelt“ nachlesen, nach ihm ist der Literaturpreis benannt, den soeben Thorsten Trelenberg erhalten hat.

Es gibt drei Nachkommen, einen Sohn und zwei Töchter die man befragen kann, sein Sohn Herr Michael Fallenstein, ist  anwesend und kennt ihn sehr viel besser als ich. Seine in Frankreich verheiratete Tochter Angela Esther Metzger, überraschenderweise auch anwesend, schreibt auch, Prosa und Sachbücher und weiß über ihren Vater sicherlich mehr zu sagen als ich.

Altersmäßig bin ich, 1943 geboren, außerdem das Bindeglied zwischen dem Preisstifter – Jahrgang 1926 – und dem 1963 auf die Welt gekommenen Preisträger.

Aber ich habe Alfred Müller-Felsenburg auch kennengelernt, das war in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts anlässlich einer der jährlichen Vergaben des nach ihm benannten Literaturpreises für aufrechte Literatur in Hagen. Und dann sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen, haben miteinander geredet und es gab immer etwas zu bereden – nicht zuletzt aus seinem Interesse an meinem Beruf als Lehrer, denn das war er ja auch bis 1978. Ein weiterer Berührungspunkt war das nicht-verstehen-können der Verbrechen des 3. Reiches, die Trauer um die Opfer und der Wunsch der Aussöhnung mit den Überlebenden.

Anfang des neuen Jahrtausends haben wir uns dann beim morgendlichen Schwimmen im Freibad auf der Hestert in Hagen-Haspe getroffen und wir zogen redend gemeinsam ein paar Bahnen durch das Wasser. Dabei muss ich auch erwähnt haben, dass ich seit kurzem meine Eltern aus Alters- und Gesundheitsgründen in ein Altersheim nach Hagen geholt hatte. Alfred Müller-Felsenburg fragte nach der Adresse und kündigte an, sie zu besuchen.

Und im Gegensatz zu vielen anderen tat er das auch: er besuchte meine ihm völlig unbekannten Eltern und nachdem er festgestellt hatte, dass mein damals über neunzigjähriger Vater Interesse an Literatur zeigte, brachte er beim nächsten Besuch u.a. auch Bücher von sich mit, die mein Vater aufmerksam las.

Wie mir daraufhin mein Vater in altersbedingter gnadenloser Ehrlichkeit mitteilte, gefielen ihm die angeregten Gespräche mit Müller-Felsenburg besser, als sein schriftstellerisches Werk: „ Ein Goethe ist er aber nicht!“ war sein unbarmherziges Urteil.

Ein „Goethe“ wollte Müller-Felsenburg aber auch nie sein: der aus einer Bochumer Arbeiterfamilie stammende Alfred Müller besuchte dort die Volksschule und ließ sich ab 1941 als Fünfzehnjähriger an den Lehrerbildungsanstalten Hofheim und Großkrotzenburg zum Pädagogen ausbilden. Als Siebzehnjähriger wurde er im Juni 1944 in Büdingen Soldat. Als „Reserveoffiziersbewerber“ kam er nach Butzbach, von dort an die „Westfront“ in Dörnigheim – übrigens alle genannten Orte liegen in Hessen – fühle ich mich als von dort stammender auch deshalb so mit ihm verbunden?

Drei harte Jahre als französischer Kriegsgefangener folgten – verschärfend kam nämlich hinzu, dass er einen misslungenen Fluchtversuch abbüßen musste!

So kam er im November 1949 zuerst nach Volmarstein zu seinen Eltern und dann mit ihnen nach Hagen. Von 1949 bis 1951 studierte er an der Pädagogischen Hochschule in Essen-Kupferdreh. Erste Lehrerstelle in Halver und ab 1964  in Hagen.

Witt Witt von Alfred-Müller-Felsenburg, 1958 (vergriffen)Beim Stichwort „Halver“ muss ich etwas einfügen: wann aus dem Lehrer „Müller“ der in den Personalpapieren eingetragene Künstlername „Müller-Felsenburg“ wurde, hat Hans-Werner Gey mir sagen können: der Jugendroman „Witt-Witt und die Knallbonbons“ erschien 1958 unter „Alfred Müller“, aber der nächste Roman, „Die Verfolgten“ ein Jahr später, also 1959, war schon ein „Müller-Felsenburg“. Gesagt wurde mir, dass es damals in Halver eine Straßenbahnhaltestelle/-Endstation „Felsenburg“, bzw. „Felsenberg“ gegeben haben muss – ob er sich nun danach, oder, wie ich eher vermute, nach Johann Gottfried Schnabels  Roman „Insel Felsenburg“ (1731-1743 erschienen) genannt hat, habe ich aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen, die ich gelesen habe, nicht erfahren. In „Wikipedia“ heißt es zu diesem Roman: „… (Schnabel) verbindet die Robinsonade mit dem Entwurf einer frühaufklärerisch und pietistisch geprägten Gesellschaftsutopie (Querverweis zur „Utopia“ von Thomas Morus fällt mir dazu sofort ein!) und heftiger Kritik an den Zuständen im Europa zu Beginn des 18. Jahrhunderts…“

Dazu ein Zitat aus seinem Munde: „Menschen meiner Profession haben sich nicht nur der Schrift, sondern auch der Sprache innerhalb der Gesellschaft zu stellen. Letztere ist stets Ausdruck humanen Seins und Werdens. Sie prägt Charakter aus gewonnener, verdichteter Meinung, hingenommener Lüge. Kurz: Ich kann viele Meinungen hegen, aber im Grunde nur eine Haltung einnehmen und vertreten. Meine eigene wurde geprägt von Erlebnissen und vom Wesen elterlicher Erziehung, vom Umgang mit Menschen des In- und Auslandes, in Krieg und Frieden, von Schulen und Pädagogen, innerhalb der Natur und als Beteiligter an der Technik, Wirtschaft, Politik, Kunst.“ (Zitat aus „Begegnung mit Hagener Autoren – Aus meiner Schreibstube“ von Alfred Müller-Felsenburg in „Lyrikwelt“, im  WWW.)  Die Frage erscheint mir hiermit beantwortet: des engagierten Schnabels Roman ist doch wahrscheinlicher, als die Straßenbahnhaltestelle, oder??

1949 konvertierte Müller-Felsenburg zur katholischen Kirche. Zitat einerseits: „Jeder Mensch hat einen Vogel. Nur glauben viele geistliche Herren, ihr Piepmatz sei der Heilige Geist.“

Zitat andererseits: „… Wenn ich schreibe, übe ich Kritik an Zuständen in der Welt, im Volk, in der Kirche, in der Familie, in mir. Ich bejahe das Vertiefen unantastbarer Strukturen, wie sie in der Lehre Jesu Christi zutage treten. Solche Anschauungen suche ich zu formulieren und anderen zugänglich zu machen.“

Und in seinem „Werkverzeichnis 2004 mit Werkproben“ schreibt er: „ Soziale Missstände regen mich auf. Jedwede Omnipotenz, sei es die der Staaten, Kirchen, Gewerkschaften, Verbände, Parteien, ist mir widerwärtig; und ich greife sie an.“

Wie hat mir jemand gesagt, der ihn genauer kannte: „Er konnte ein schrecklicher Nörgler und Besserwisser sein“, oder positiv ausgedrückt: er war ein christlicher Moralist: Zitat: “Wenn ich jegliche Allmacht, außer der göttlichen, für gefährlich halte, muss ich mich schließlich bemühen, sie an Ort und Stelle durch mein Mittun auszuschalten.“ („Werkverzeichnis 2004“)

Er war ein Vielschreiber: er verfasste mehr als 80 eigene Werke, Beiträge in über 150 Anthologien, unzählbare Zeitungsberichte, Serien, Lesungen, Vorträge, gelegentliche Rundfunksendungen folgten.

1978 schied er aus dem Schuldienst aus. 2004 zog Müller-Felsenburg – bedingt durch eine Krebserkrankung- mit seiner Frau nach Gevelsberg und dann, nach ihrem Tod 2007 ins Hospiz „Stella Maris“ nach Mechernich in der Eifel. Im selben Jahr erhielt er auch für sein Lebenswerk den nach ihm benannten Literaturpreis „für aufrechte Literatur“. Kurz nach seinem 81. Geburtstag starb er am 29. Dezember 2007. Beerdigt wurde er neben seiner Frau in Gevelsberg.

Das nachfolgende Gedicht ist vom 21. Juli 2007 datiert. Es heißt

„Abschied“

Ich gehe
Und kehre nie wieder
In dieses Land zurück,
dessen Hügel
Vulkane bergen.

Auf staubigen Straßen,
schottersteinig,
laufe ich dahin.

Dem Morgen verloren,
der Nacht gehörend.
Ich träume von Heimat
(entleerte Vokabeln!).

Ihre Blüten
entfalten sich
Über dem Feuer.

Einsam.

Schließen möchte ich meine Gedanken über Alfred Müller-Felsenburg mit einem Gedicht des diesjährigen Preisträgers „Für aufrechte Literatur“, Thorsten Trelenberg:

Erdenleben

Die Zeit ist immer
Eine andere

Ganz egal
Wie kurz oder lang

Ein Erdenleben dauert
Nie länger

Als einen Augenblick

P.S.: Herr Fallenstein hat nach meinen Worten spontan das Wort ergriffen und u.a. erhellend zum Namenszusatz  „Felsenstein“ erklärt, dass es in Bochum, dem Geburtsort Alfred Müller-Felsenburgs einen gleichnamigen Ortsteil gibt – es gibt eben, wie er sagte, nie nur eine eindeutige Erklärung!

(25.November 2012)

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