Lyrik & Prosa-LogoAlfred-Müller-Felsenburg-Preis-Verleihung 2016


Am 6.November 2016 wurde der "Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2016"
im Rahmen des Projekts "literaturland westfalen" an

 Die Preisträgerin, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116)

Safiye Can

vergeben!
 

 Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises Foto: Birgitta Nicolas (hf1116
Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises: (v.l.n.r.) Norbert Labatzki (Musik), Thorsten Trelenberg (Leiter des Sekretariats für den AMF-Preis),
Elke Middendorf, (stellv. Landrätin des Kreis Unna), Rudolf Damm, (Laudator und Jury-Mitglied),
Safiye Can (Preisträgerin 2016),
Michael Fallenstein (Sohn von Alfred Müller-Felsenburg), Pit Böhle (Geschäftsführer Westf. Literaturbüro),

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Nicolaihaus in Unna, Foto: (c) Kreisstadt Unna (hf1112) GF Pit Böhle eröffnet die Preisverleihung, Foto: hwg (hf1116) Thorsten Trelenberg bei der Begrüßung der Gäste, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116) Stellvertr.Landrätin Elke Middendorf spricht das Grusswort, Foto (A): Birgitta Nicolas (hf1116) Publikum, Foto: hwg (hf1116) Michael Fallenstein spricht über seinen Vater Alfred Müller-Felsenburg Foto: hwg (hf1116) Thorsten Trelenberg, Leiter des Sekretariats für den AMF-Preis, Foto: hwg (hf1116) Rudolf Damm hält die Laudatio auf Safiye Can, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116) Thorsten Trelenberg und Safiye Can, Foto: hwg (hf1116) Norbert Labatzki, Foto: hwg (hf1116) (v.l.) Pit Böhle, Safiye Can, Thorsten Trelenber, Foto: hwg (hf1116) Diese Haltestelle hab ich mir gemacht von Safiye Can, 2015, Größenwahn Thorsten Trelenberg, Leiter des Sekretariats für den AMF-Preis, Foto: hwg (hf1116) Büchertisch, Foto: hwg (hf1116) Rose&Nachtigall von Safiye Can, 2014, Größenwahn Die Preisträgerin mit Pit Böhle, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116) Publim beim der AMF-Preisverleihung 2016, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116) Thorsten Trelenberg überreicht die Flasche ehrlichen Landweins, Foto: Birgitta Nicolas (hf1116) Safiye Can liest, Foto: hwg (hf1116)  Die Preisträgerin mit Pit Böhle, Foto: hwg (hf1116) (vlnr): Annette Gonserowski, Velina van der Gaag und Safiye Can, Foto: vdg (hf1116)

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         Die Fotos machten Birgitta Nicolas und hwg.
Wir bedanken uns dafür.

Mehr auch auf der Seite des Grössenwahn-Verlag!

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Alfred Müller-Felsenburg, 1999
Literaturland Westfalen-Partnerlogo

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Stellvertr.Landrätin Elke Middendorf spricht das Grusswort, Foto (A): hwg (hf1116)Grußwort von
Elke Middendorf,
stellvertretende Landrätin des Kreises Unna
 

Sehr geehrter Herr Trelenberg, Herr Fallenstein, Herr Damm, Herr Böhle
Sehr verehrte Frau Safiye Can, sehr geehrte Gäste

Herzlich Willkommen im Kreis Unna, Danke für die Einladung.

Es ist mir eine besondere Freude Ihnen als Preisträgerin, den Verantwortlichen und Gästen die Grüße und Glückwünsche des Kreises Unna und des Landrates Michael Makiolla zu überbringen.

So ist die heutige Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg Preises für aufrechte Literatur in dieser Einrichtung hier in Unna besonders gut aufgehoben. Nicht nur weil sie im Kreis Unna liegt, sondern weil das Westf. Literaturbüro als „Lobbyeinrichtung“ für Literatur es sich zur Aufgabe gemacht hat u.a. den Austausch zwischen Autoren und Lesern zu fördern und Schriftstellern und Talenten Perspektiven zu eröffnen.

Es hilft und berät Infrastruktureinrichtungen in unsern 10 Kreisangehörigen Städten und Gemeinden. Bibliotheken, besonders auch Schulen, Kulturbüros usw. partizipieren davon. Ihre Arbeit in Form von Schreibwerkstätten ist sicherlich ein guter Weg jungen Menschen den Umgang mit Sprache näherzubringen. Wenn unsere Schüler nach wie vor im Deutschunterricht große Mängel aufweisen, dann muss man neue Wege suchen ihnen den Spaß an Sprache zu vermitteln. Wer wäre besser dazu geeignet als sie, die Lyrikerin Safiye Can.

Meine Damen und Herren

Durch die Unterstützung des Netzwerk-und Marketingprojektes „Literaturland Westfalen“ wird die Kooperation zwischen Literatureinrichtungen dauerhaft gefördert und ein größerer Radius geschaffen.

Wir sind heute zusammengekommen, um den Alfred-Müller-Felsenburg 2016 zu verleihen. Ein Preis für aufrechte Literatur. Damit sollen unkonventionelle und kritische Werke geehrt werden, bei denen Zivilcourage im Mittelpunkt steht. Literaten, die bisher von Kritikern wenig beachtet werden sollen in den Mittelpunkt gerückt werden.

Die Stifter und ehem. Preisträger, die als Jury fungieren, haben auch in diesem Jahr eine sehr gute Wahl getroffen.

Meine Damen und Herren,

Eine junge Frau, die von Kind an bewiesen hat, dass sie ihren Weg gehen will. Sie hat Rückgrat gezeigt und sich nicht beirren lassen und ist damit zu einer beeindruckenden Schriftstellerinnenpersönlichkeit geworden. Frau Safiye Can hat eine  beeindruckende persönliche Biographie. Es wird sicher noch einiges dazu gesagt werden. In der Hoffnung Sie nicht zu langweilen, möchte ich doch kurz auf diesen außergewöhnlichen Werdegang eingehen.

Meine Damen und Herren,

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte: „Das sprachlose Kind als Dichterin“.

Ja, Sie hatten denkbar schlechte Voraussetzungen, als Sie praktisch ohne deutsche Sprachkenntnisse eingeschult wurden. Das „sprachlose Kind“ hat es allen gezeigt. Gegen Fehleinschätzung haben sie sich gewehrt und haben Ihren Weg weiterverfolgt. Sie sagen selber, dass Sie froh seien mit der türkischen Sprache aufgewachsen zu sein und dass der Migrationshintergrund schon eine Bedeutung für Sie habe, Sie aber nicht darauf reduziert werden möchten.

Frau Can

In einem Interview haben sie auf die Frage, wie Ihre Texte entstehen gesagt: „Die fließen mir oft so zu, egal ob auf der Straße oder sonst wo. Vielleicht ist das eine Erklärung für Ihre bewegenden Gedichte und Texte. Sie kommen direkt aus dem Leben, aus Ihrem Leben. In einem anderen Interview wurden Sie gefragt, welche drei Substantive Ihnen zu dem Wort Liebe einfallen. Mich hat besonders beeindruckt, dass Sie nach kurzem Zögern zu den Wörtern Zuneigung und Sehnsucht auch das Wort Hass nannten. Dass Liebe und Hass im Leben leider oft sehr eng zusammen liegen erfahren wir täglich.

Meine Damen und Herren,

Integration, Umgang mit fremden Kulturen und das Verstehen von fremden Menschen sollte nicht nur ein Thema für Frau Can sein, sondern sollte uns alle beschäftigen. Mit ihren Gedichten und Texten tragen Sie dazu bei, dass Menschen vielleicht wieder mehr Empathie für die Sorgen anderer entwickeln, auch wenn ihnen diese Sorgen fremd sind. Wir brauchen Menschen, die Augen, Ohren und Herzen öffnen dringender denn je.

Ich danke Ihnen und gratuliere noch einmal ganz herzlich.

Den Veranstaltern ebenfalls herzlichen Dank und ich hoffe, sie bleiben im Kreis Unna.                                    

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Michael Fallenstein spricht über seinen Vater Alfred Müller-Felsenburg Foto: hwg (hf1116)

Grußwort von
Michael Fallenstein, Sohn von Alfred Müller-Felsenburg

Sehr geehrte Frau Can, sehr geehrte Frau Middendorf, liebe Festgäste

Wissen Sie - mir geht’s eigentlich ganz gut heute:
wie der Bundespräsident im Großen, brauche ich im Kleinen hier und heute nicht zu arbeiten; im Kontext der AMF-Preisverleihung trage ich keine Verantwortung; die jährlich zu Ehrenden sucht eine Jury unter Vorsitz von Herrn Trelenberg aus; das Event hier vorzubereiten, muss ich auch nicht, das obliegt genauso dankenswerter Weise dem Literaturbüro mit seinem Chef, Herrn Böhle;

Meine Aufgabe ist es lediglich, feierlich die Urkunde in möglichst wieder entzifferbarer Art und Weise (eine Herausforderung für mich!) zu unterzeichnen und ein - mal mehr und mal weniger – aufwändiges oder angemessenes Grußwort zu halten.
Aber doch – mit der diesjährigen Entscheidung der Jury, Ihnen, liebe Frau Can, den ja doch eher etwas „spröden“ Preis unseres Vaters – jedenfalls aus materieller Sicht betrachtet – zuzuerkennen, war das für mich schon etwas anders.
Sicher – ich erfahre wie meine Schwestern zumeist als einer der Ersten von der Jury-Entscheidung. Zuweilen kannte ich die Preisträgerinnen und Preisträger schon; wenn nicht, habe ich – wie in Ihrem Fall - gegoogelt und mich informiert. Jetzt nehme ich – selbst wenn ich das eigentlich nicht tun sollte, schon allein, um den Spannungsbogen meiner Ansprache nicht zu demontieren - das Ende meines Grußwortes einfach vorweg:
Die Jury hat sich dieses Jahr mit Ihrer Wahl – wie ich ganz persönlich finde - selbst übertroffen – und das will bei der hochkarätigen Liste Ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger schon etwas heißen.
Wieso ich das meine? Dazu rekurriere ich auf / erinnere ich an die Ursprungsintention der Ideengeber des AMF-Preises, die diesen ja vor vielen Jahren in weinseliger Runde aus der Taufe hoben.

Die anfragbare Qualität des von der kulturellen Ritterrunde damals genossenen Weines findet ja nach wie vor ihren Niederschlag in heute eher euphemistischer Umschreibung der mit der Preis-Urkunde jeweils zusammen überreichten und dazugehörigen Flasche „einfachen Landweines“…
Was war denn nun die Ursprungsintention:
1. die Förderung junger, intelligenter und vielversprechender Autorinnen und Autoren, die sich
2. natürlich mit ihren Werken, aber nicht nur literarisch, aufrecht um eine bessere und gerechtere Welt bemühen,
3. dabei klare Kante zeigen ohne Risiken zu scheuen und denen schließlich
4. eine gleichermaßen große wie behutsame Liebe zum Umgang mit Sprache als ihnen eigene Lebens- und Wesensäußerung abzuspüren ist…
Ich bin also überzeugt, dass unser Vater, wenn er denn nun von dort oben oder dort unten oder von irgendwo dazwischen – das will ich ja nicht so wirklich verorten – heute zuschaut, die heutige Preisverleihung mit höchster Genugtuung und Wohlwollen verfolgen wird.

Sind Sie es doch, Frau Can, die alle diese Ursprungskriterien erfüllt wie kaum eine Andere oder ein Anderer.

Herr Damm wird sich zu Ihrer enormen literarischen Qualität in seiner Laudation besser äußern, als ich das könnte. Ich will ihm nicht vorgreifen. Aber wie viele der hier Zuhörenden wissen, habe ich selbst ein familiär bedingt eher zwiespältiges Verhältnis zum literarischen Erbe unseres Vaters mit Ausnahme seiner sehr ausdrucksstarken lyrischen Texte. Daran gemessen – eine weiteres sehr starkes Argument zu Ihrer Wahl als Preisträgern 2016.
Wie Sie mir alle unschwer ansehen, hat mir unser Vater leider auch sein physisch eher bedenkliches Äußeres vererbt – also eines, das auf der Attraktivitätsskala eher auf den hinteren Rängen angesiedelt ist. Ich verrate insbesondere dem weiblichen Teil der Bevölkerung, die ihn noch kannten, kein Geheimnis, wenn ich sage, dass er diesem gegenüber dennoch sein ganzes Leben
lang als ziemlicher Charmebolzen aufgetreten ist. Innerfamiliär wurde dies insbesondere von uns Kindern stets Augenrollend, Kopfschüttelnd und mit zuweilen peinlichen Fremdschämreflexen zur Kenntnis genommen– im Gegensatz zu unserer Mutter, die da ziemlich entspannt reagierte. Wenn wir nicht wirklich begriffen haben, wieso: er kam damit immer bestens an.
Sie können sicher sein, Frau Can: wäre er heute hier, hätte er Sie schon längst mit herzzerreißenden Elogen über Ihr jugendliches Charisma, Ihre Intelligenz, Ihr Sprachgenie und Ihre wunderschönen braunen Augen bedacht, und vermutlich wären Sie dahingeschmolzen…

Ich will da mal rationaler vorgehen…

Als gemeinsam mit Kollegen/-innen für das Ruhrgebiet und damit auch den Kreis Unna verantwortlicher Regionalleiter für Bethel gehören zu einer meiner Querschnittsaufgaben die Kooperation mit Schulen und Universitäten. In diesem Rahmen unterrichte ich an einem großen Dortmunder Berufskolleg die Ober- und Mittestufenklassen der Heilerziehungspflege im Examensfach Psychiatrie und erleide dabei, was das sprachliche wie schriftliche Knowhow vieler junger Studierender angeht, doch zuweilen große Qualen.
Um dem wenigstens ansatzweise zu begegnen, beginne ich jede Unterrichtsstunde mit einem kleinen Besinnungstext oder einem Gedicht – nicht immer eines mit einem Bezug zum Unterrichtsthema. Anfangs irritierte die Schüler/innen dieses Ritual. Inzwischen freuen sich die Meisten darauf – und sei es nur, weil es die Unterrichtszeit um ein paar Minuten verkürzt.
Nachdem ich von Ihrer Wahl durch die Jury erfuhr, habe ich mir ein oder zwei Gedichte von Ihrer Homepage geklaut und die vorgetragen. Es war das erste Mal, dass Schüler/-innen nach dem Unterricht zu mir kamen, mehr über Sie wissen oder den Link zu Ihrer Homepage haben wollten.

Ich bin in meiner Heimatstadt – auch das wissen einige von Ihnen - kommunalpolitisch aktiv und vor allem deswegen per Facebook unterwegs, wenn aufgrund aktueller politischer Entwicklungen und der zunehmenden, offensichtlich nicht zu entgehenden faschistoiden Hetze mit wachsendem Bauchgrimmen.
Noch bevor wir uns also heute hier persönlich und von Angesicht zu Angesicht kennenlernen konnten, waren wir dort schon seit der Juryentscheidung virtuell miteinander freundschaftlich verklickt. Einer der wenigen Hinderungsgründe bisher für mich, mich von FB wieder völlig zu verabschieden.

Und so konnte ich Sie die Monate seitdem virtuell begleiten, Ihre vielen Auftritte und Lesungen, aber auch Ihre Statements und Ihr Mitleiden an der politischen Situation in der Türkei verfolgen, die ja von einer unerträglichen Eskalation zur nächsten taumelt, der ich wie viele andere fassungslos gegenüberstehe. Nicht nur ich frage mich, wie viel Wahnsinn Europa, der nahe Osten oder überhaupt diese unsere ganze Welt noch vertragen mit den ganzen Kriegen, dem Wiedererstarken rechter und faschistoider Kräfte, der Dummheit, dem Egoismus und dem Hass sogenannter besorgter Bürger/-innen, demokratiefeindlicher und religiös-fundamentalistischer Parteien (nicht nur islamistischer!) und Angst vor Menschen, die doch nur auf der Suche nach Sicherheit für sich und ihre Kinder sind.

Hilft es denn da, mit noch so schöner und kraftvoller – heute und nächste Woche wieder - preisgewürdigter Lyrik dagegen anzuschreiben oder ist das nichts anderes als lächerliche „Gutmenschen-Hoffnung“.

Wie schwer es mir fällt und je größer meine Sorge um unsere Zukunft und die unseres Enkels wird – ja – ich will daran glauben, dass es genau das ist, was gesellschaftlichem Wegducken, dem verzweifelten Wunsch nach einfachen Lösungen und dem Nachlaufen neuer Rattenfänger in pseudobürgerlichem Outfit entgegen steht – sicher nicht allein, aber wer hätte je damit gerechnet, dass einem Bob Dylan mal der Literaturnobelpreis verliehen wird?
So möchte ich mein Grußwort mit einem Segenstext eines meiner Lieblingsautoren schließen. Dieser Text hat mich an vielen persönlichen, guten wie weniger guten Schnittstellen meines Lebens begleitet: Schulabschluss oder Konfirmation unserer Kinder, Tod unserer Eltern, Verabschiedungen von Kollegen/-innen, Festtage oder einfach nur so.

Es ist von Hans-Dieter Hüsch.
Ich kann es auswendig, bin mir aber meiner eigenen Contenance nicht sicher und lese es Ihnen deswegen lieber vor:

Gott im Kirschbaum
Gott sitzt in einem Kirschbaum
Und reift die Jahreszeiten aus
Er träumt mit uns den alten Traum
Vom großen Menschen aus
Wir sind die Kinder, die er liebt
Mit denen er von Ewigkeit zu Ewigkeit
Das Leben und das Sterben übt
Er setzt auf uns
Er hofft auf uns
Dass wir uns einmischen
Dass wir seine Revolution der Liebe verkünden
Von Haus zu Haus an die Türen nageln
Heiß in die Köpfe reden
In die Herzen versenken
Bis die Seele wieder
Ein Instrument der Zärtlichkeit wird
Und die Zärtlichkeit musiziert und triumphiert
Und die Zukunft leuchtet

Diese leuchtende Zukunft wünsche ich uns allen, ganz besonders heute aber Ihnen, Frau Can und Ihrer Heimat
Glück auf

***

Rudolf Damm hält die Laudatio auf Safiye Can, Foto (A): hwg (hf1116)Die Laudatio auf Safiye Can,
von Rudolf Damm

abschied

der tag beginnt spät
wie manchmal
das eigene leben
mit einem blick aufs meer.
ein schiff segelt dahin
am horizont
in einem silbrigen licht
zeitloser wolken
so bleibt es im gedächtnis
unvergessen,
ein fast vollkommenes glück
ohne enttäuschung
und niedertracht
und doch:
die menschen am ufer
werden davongehen
und einmal nicht mehr
zurückkehren, andere menschen
werden sie ersetzen,
um die welt später
zu verlassen wie einen traum.

der tag beginnt spät,
wie immer, wenn es zeit wird,
die koffer zu packen
für eine andere
unbeabsichtigte reise.

Michael Starcke, Foto: hwg/privat (hf0216)

Michael Starcke

Mit diesem Gedicht des am 19. Februar diesen Jahres viel zu früh verstorbenen „Alfred-Müller-Felsenburg-Preisträgers für Aufrechte Literatur 2013“ Michael Starcke beginne ich meine Laudatio auf die diesjährige Preisträgerin Safiye Can.

Denn Michael Starcke war es, der als Jurymitglied des „Alfred-Müller-Felsenburg-Preises“ den Namen der Offenbacher Lyrikerin als Preisträgerin 2016 ins Gespräch brachte und sich vehement für sie eingesetzt hat. Ihm ist es zu verdanken, dass die anderen Juroren auf sie aufmerksam wurden und sich beeindruckt durch die unverwechselbare Diktion und Wahrhaftigkeit ihrer poetischen Ausdruckskraft und die Meisterschaft ihrer Sprache für Safiye Can entschieden.

Als mehrfacher Laudator der „Müller-Felsenburg-Preisträger“ der vergangenen Jahre freute ich mich auf die vor mir liegende Aufgabe, ist doch Offenbach am Main die Stadt, in der ich entscheidende Jahre meiner Jugend verbracht und dort auch das Abitur gemacht hatte, diese kleine  Großstadt im Schatten des übermächtigen Nachbarn Frankfurt am Main, die mir Heimat geworden war und mit der ich mich bis heute verbunden fühle. Und dann auch noch eine Offenbacherin türkischer Abstammung – der Türkei, mit der ich mich aus familienhistorischen Gründen und meinem zweijährigen Germanistikstudium an der Istanbuler Universität und den dabei entstandenen Freundschaften vor fast nun 50 Jahren in kritischer Freundschaft auseinandersetze! Und dann ist Safiye Can auch noch tscherkessischer Abstammung, was bedeutet, dass ihre Vorfahren vor 150 Jahren aus ihrer angestammten Heimat im russischen Zarenreich in das damalige Osmanische Reich zwangsumgesiedelt wurden und ihnen damit das Schicksal von Minderheiten leidvoll bekannt ist – ich dachte dabei eher an einen lukullischen Genuss: das „Cerkes Tavug“ – auf Deutsch „Tscherkessisches Huhn“ ein aufwendiges Gericht u.a. mit gehackten Walnüssen, für das ich, gut gemacht, fast alles Andere stehen lasse!

 Aber Michael Starcke bat mich, ihm die Laudatio auf Safiye Can zu überlassen.

Rose&Nachtigall von Safiye Can, 2014, GrößenwahnUnd wenn man seine Gedanken im Vorwort der 2. Auflage ihres Lyrikbandes „Rose & Nachtigall“ gelesen hat, wird dem Leser sofort klar, dass nur Michael Starcke der angemessene Laudator für die Dichterin hätte sein müssen:

„Liest man die Gedichte der Dichterin laut, erkennt man einen melodiösen und eigenwilligen Klang, der dem Geschriebenen als Vehikel dient, um Aussagen und Botschaften zu transportieren und bekräftigend zu untermalen, einen Sound, ein Markenzeichen, das, wie ich meine, diese Verse originär und unverwechselbar macht. Ebenso gewinnt man durch die Wahl der Metaphern, die zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Überlieferungen und frischen Ideen angesiedelt sind, den Eindruck, Gedichte wie diese noch nie gelesen zu haben, das Thema Liebe, alt wie die Menschheit, in neue, unerwartete Sprachbilder gekleidet, die im Gedächtnis haften bleiben, weil man sie weder vergessen möchte noch vergessen kann.

Safiye Can schreibt von der Liebe stürmisch, nachdenklich. traurig, himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, wie man sagt, vom Verliebt sein, von „der Metaebene“, vom Verlassen werden und Vermissen. Nachhaltig beschreibt sie das Für und Wider, die Zweifel, den Versuch, das gegensätzliche zu einem Ganzen werden zu lassen, Spannungsbögen.

Es ist nicht anmaßend, Safiye Can, diese junge Tscherkessin, die in Offenbach geboren wurde, in einem Atemzug mit großen deutschen Dichterinnen wie Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz oder Sarah Kirsch zu nennen, deren Nachfolge sie schon seit langem, bisher leider zu wenig wahrgenommen, angetreten hat Safiye Can wird zu den großen Dichterinnen unseres Jahrhunderts gezählt werden.“

Diese sachkundige und gleichzeitig so poetische „Liebeserklärung“ des Dichters Michael Starcke an die Dichterin Safiye Can beeindruckte mich 2014 und beeindruckt mich noch heute zutiefst.

Mir fiel als altem Offenbacher dabei ein, dass auch Goethes Lilli Schönemann eine Offenbacherin war …

Und jetzt stehe ich, der hier nicht stehen sollte, an  Michael Starckes Stelle, weil der „Schnitter Tod“ wieder einmal alle Planungen ad absurdum geführt hat.

Und ich habe natürlich meinen subjektiven Blick auf diese ost-westliche Dichterin mit dem gelungenen Spagat zwischen Orient und Okzident, zwischen ihrem Geburtsland Deutschland und dem kulturellen und sprachlichen Herkunftsland ihrer Eltern, der Türkei. Ich glaube die kritische Verbundenheit zu spüren, wenn ich Gedichte lese wie das mit dem Titel Gewesene Tage in ihrem Gedichtband „Rose & Nachtigall

Gewesene Tage

Abends lagen wir auf der Wolke
bei Tageslicht auf festem Boden

wollte ich dich nie austauschen
doch betrogst du mich
mit Istanbul, dieser Dirne
vorhin stieß ich an deine Wasserpfeife
blau stürzte sie und brach sich das Genick
ich fasste mir jäh ans Herz.

Wie ich die Metaphern „Istanbul“ und „Wasserpfeife“ interpretiere, brauche ich hier nicht weiter zu erläutern!

Diese Haltestelle hab ich mir gemacht von Safiye Can, 2015, GrößenwahnUnd in einem weiteren Gedicht mit dem Titel Ein solcher Regen aus dem Gedichtband Diese Haltestelle habe ich mir gemacht, dessen 2. Auflage im Juni 2016 erschienen ist, spricht meine Istanbuler Erinnerungen an und lässt die beschriebene Situation vor meinen Augen lebendig werden:

Ein solcher Regen

In Istanbul regnet es
an einem Januartag in Strömen
die Dächer regnen, die Straßen, die Läden
mit dem Regenwasser fließt alles
alles fließt Cagaloglus Straßen hinunter
mit großen Augen blicken die Häuser
blicken stumpf, stumpf auf das Kopfsteinpflaster.

Das ist nicht nur eine großartige Beschreibung der winterlichen Wirklichkeit Istanbuls, die mit dem touristischem Bild der sonnigen Sommermonate rein nichts gemeinsam hat und nicht nur der Ausdruck einer momentanen rein privaten Gefühlsstimmung, nein, ich erkenne in diesen Zeilen auch die Verzweiflung der politischen Dichterin Safiye Can über die politischen Zustände in der Türkei, angefangen von den Gezi-Park-Protesten im Jahr 2013 bis zu den schrecklichen Ereignissen, den Verhaftungen und Folterungen nach dem Militärputsch vor wenigen Monaten. Eine politische Safiye Can, die ihre Stimme erhoben hat auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die am 18. Oktober mit dem aus ihrer Zelle herausgeschmuggelten dramatischen Appell der in Istanbul inhaftierten türkischen Schriftstellerin Asli Erdogan eröffnet wurde. In dieser Botschaft drückt sie ihre Hoffnung aus, dass trotz der „unvorstellbaren Rohheit“ mit der in ihrem Land versucht werde, „die Wahrheit zu töten“, auf ein Ende dieser Zustände hoffe. „Auch wenn ich nicht weiß, wie, aber die Literatur hat es immer geschafft, Diktatoren zu überwinden.“

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller verwies in seiner Rede auf die 140 in der Türkei geschlossenen Medienhäuser, darunter 30 Buchverlage und mehr als 130 dort inhaftierte Autoren und Journalisten. (Zitiert nach der FAZ vom 19.10.2016, Seite 1)

Und am 4. November, nach der Verhaftung der Chefredakteure der „Cumhuriyet“,  steht ein weiterer aus dem Gefängnis geschmuggelter Appell von Asli Erdogan in der „Frankfurter Allgemeinen“: „Die türkische Regierung hat sich entschieden, alle Gesetze zu ignorieren. … Jede Meinung, die auch nur ein bisschen von jener der Herrschenden abweicht, wird gewaltsam unterdrückt.“ Sie fordert jetzt unsere – der Europäer – volle Solidarität und Unterstützung. Der Vergleich mit der Situation in Deutschland nach dem 30. Januar 1933 wird in der Türkei von Tag zu Tag realistischer!

Bei der Beschreibung dieser Situation darf aber kein Gefühl der moralischen Überlegenheit aufkommen – Alfred Müller-Felsenburg hat nicht ohne Absicht nach den Erfahrungen des 3. Reiches den Preis ausdrücklich für „Aufrechte Literatur“ benennen lassen! Denn wie Safiye Can schon in einem Interview 2013 während der Gezi-Park-Proteste ausdrücklich sagte: „ Die Europäer sind nicht unschuldig an der momentanen Situation. Menschenrechtsverletzungen, Zensur und eine willkürlich agierende Justiz wurden von den rneisten  übersehen.( … ) Gleichzeitig hält man die Türkei aber seit Jahrzehnten hin, was den EU-Beitritt betrifft. Wenn sich ein großer Teil der türkischen Bevölkerung nun zunehmend dem Osten und dem konservativen Islam zuwendet, dann haben die Unentschlossenheit und das scheinheilige Verhalten Europas maßgeblich dazu beigetragen.( … ) Aber auch wir, jeder einzelne von uns kann etwas tun. Wir dürfen nicht schweigen, nicht nur im Bezug auf die Türkei. Die Welt gehört uns allen und was in Geschichtsbüchern steht und vor allem auch stehen wird, ist unsere gemeinsame Geschichte.

(Interview mit Safiye Can im Blog der Facebook Seite „Halte durch, Türkei“ am 17. Juli 2013)

Wenn man diese Worte im Ohr behält, dann versteht auch der abendländische Leser das folgende „Haltestellen“- Gedicht richtig, das mich zutiefst anrührt und eine ungestillte Sehnsucht auslöst nach dem Istanbul, wie ich es erlebt habe vor fast 50 Jahren beim Ruf des Muezzins im Wechsel von Tag und Nacht, mir Vertrauen einflößend, nicht Furcht vor dem Fremden und es hat für mich den gleichen Stellenwert bekommen wie Orhan Velis berühmtes Gedicht – neu von Safiye Can übersetzt – „Ich höre Istanbul mit geschlossenen Augen“

Des Muezzins Ruf am Morgen fehlt mir hier

waren Sie schon mal in Sultanahmet
Da singen sie aus dem Minarett
so schön, dass man fliegen möchte

kennen Sie Vorurteile?
Verstehen sie gar nicht so was?
Sehn Sie, drum hab ich mir
diese Haltestelle gemacht
ein bisschen Stahl hab ich gemacht
die Möwen vermisste ich auch
so sehr, aber er ging
einfach so, verstehn Sie das
wohin sollte ich die Möwen tun?

Michael Starcke schreibt dazu in seiner in der 2. Auflage von „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“ als Nachwort abgedruckten Rezension von 2015:

„Die Haltestelle der Dichterin ist ein Ort für Gedanken, Illusionen, Reflexionen und vielleicht ein erlösender Ort; „Leben und Wesen“ der Dichtkunst und Heimat der Fantasie:

Wo immer ich bin, da ist Heimat
da ist die Heimatfrage, da ist Ferne
ich verlor mich mal, andere verloren sich
und fand mich wieder; viele blieben verschollen
aus den Wörtern die richtigen zu fischen
darauf kommt es manchmal an

Safiye Cans neues Buch ist nicht nur für heute wichtig und passend. Es ist Poesie, die einen zu einem besseren Menschen macht, so tröstlich wie ein geschenktes Bett und eine wärmende Decke. Es ist kurzum eine Tür, geöffnet für Freundschaft, Liebe und Mut zum Verstehen und zur Verständigung, ein Meisterwerk.“

Soweit die verständnisvollen Worte und Gedanken des Dichters Michael Starcke für das Werk der Dichterin Safiye Can, die zu Hause ist in Worten und Gedanken, in Abendland und Morgenland.

Mit den Worten des Frankfurters Johann Wolfgang von Goethe, der sich auch in Offenbach auskannte, will ich schließen:

„Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident sind nicht
mehr zu trennen.“

Das Halbhalbe und das Ganzganze von Safiye Can, 2014, Literatur-QuickieSafiye Can erhält heute zu Recht von uns den „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für Aufrechte Literatur“, auch für ihre 2014 erschienene Erzählung „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ von der Michael Starcke treffend bemerkt: „Wie gesagt, Safiye Can kann auch Prosa und wie!“

Für ihre Dichtung und ihre Menschlichkeit bei  der Vermittlung ihrer beiden Kulturen danken wir ihr!   

Am kommenden Freitag, dem 11. 11. erhält sie in Wuppertal den „Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis“ – dazu unseren aufrichtigen Glückwunsch!

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