Keinland von Jana Hensel, 2017, Wallstein

Jana Hensel

Keinland
(Zitat aus:
Keinland, Roman, 2017, Wallstein-Verlag).

Höhlen

Heute Morgen bist du nach Hause geflogen, ich muss da noch tief und fest geschlafen haben. Du bist irgendwann aufgestanden, hast deinen Koffer genommen und bist gegangen. Dein silberner Rollkoffer stand im Flur, gleich neben der Tür. Dort hast du ihn, nachdem du angekommen bist, abgestellt, und dort ist er stehen geblieben. Und ich habe es nicht bemerkt, ich habe noch geschlafen, so wie Menschen in Filmen auch oft schlafen, wenn jemand geht, die Tür ganz leise ins Schloss zieht. Ich habe es erst viel später auf Twitter gesehen, aber da warst du schon nicht mehr da. Wir hatten die halbe Nacht am Küchentisch gesessen und gestritten. Auf dem Küchentisch standen da schon nicht mehr als eine Schale Obst und zwei Gläser. Irgendwann haben wir begonnen, nur noch Wasser zu trinken. Du bist immer wieder aufgestanden und hast uns neues Wasser aus dem Hahn hinter dir geholt. Über München, über den Mann mit dem Schnauzbart, über alles, über nichts. Über unser Nichts. Gar nicht abstrakt, ganz konkret. Dein Nichts. Mit dem Mann mit dem Schnauzbart hatte alles angefangen, nein, mit dem Mann mit dem Schnauzbart hatte alles geendet, hatte das Ende angefangen. Wahrscheinlich. Danach war ich so erschöpft, ich bin irgendwann zum Sofa hinübergegangen und muss dort eingeschlafen sein. Und nun ist Martin fast schon wieder zu Hause, zu Hause in seinem heiligen Land.

(...)

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