Aus der Zeit fallen von David Grossman, 2012, Hanser1.) - 3.)

Aus der Zeit fallen.
Roman von David Grossman (2012, Hanser
- Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Wolf Peter Schnetz in den Nürnberger Nachrichten vom 18.01.2013:

Schmerzhafte Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod
Plädoyer für Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern: David Grossman und sein Buch „Aus der Zeit fallen“

Der israelische Friedensaktivist David Grossman setzt sich in einer ergreifenden Totenklage für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern ein. Sein neues Buch „Aus der Zeit fallen“ ist eine Suche nach der Grenze zwischen Leben und Tod

Gemeinsam mit Amos Oz gehörte David Grossman (geb. 1954 in Jerusalem) 2003 zu den Unterzeichnern einer Friedensinitiative, die für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern eintrat. Im August 2006 forderte er ein sofortiges Ende der Kämpfe im Libanon. Er richtete seine Eingabe unmittelbar an den damaligen Regierungschef Ehud Olmert. Ohne Erfolg. Wenige Tage später starb sein Sohn Uri bei einem Kriegseinatz.

David Grossman zählt zu dem immer kleiner werdenden Kreis von Friedensaktivisten in Israel, die eine Realität von zwei Staaten bejahen und einen Krieg ablehnen. Sein ebenso umfangreiches wie bedeutendes schriftstellerisches Werk bringt sein politisches Engagement und seine Denkweise vielfach zum Ausdruck. Hervorzuheben sind u.a. „Der geteilte Israeli. Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen“ (1992), „Diesen Krieg kann keiner gewinnen...“ (2003) und „Die Kraft zur Korrektur. Über Politik und Literatur“ (2008).

Seine Stimme wird international gehört. Er ist in den jüngsten zwei Jahrzehnten seines literarischen Wirkens mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden, darunter in Deutschland mit dem Nelly-Sachs-Preis (1991), dem Geschwister-Scholl-Preis (2008) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2010). Die Ehrungen galten vor allem seinem Eintreten für den israelisch-palästinensischen Dialog.

Natürlich weiß David Grossman, der selbst Militärdienst leistete, dass Israel ohne eigene Armee nicht existieren kann. Er ist nicht realitätsfern. Er weiß aber auch, dass gegen den Hass kein Krieg zu gewinnen ist. Die bestimmenden Gefühle zwischen Israelis und Arabern sind laut Grossman von Hass geprägt. Wer frei davon ist, gilt als Ausnahme-Erscheinung, wie er selbst.

David Grossman, der Kinder- und Jugendbücher, Erzählungen, Romane und Essays schreibt, genießt im Ausland vielfach ein höheres Ansehen als in seinem von berechtigter Überlebensangst geprägten Heimatland. Das Land zu verlassen, lehnt er entschieden ab. Auf eine entsprechende Frage antwortet er: „An keinem anderen Ort spüre ich jene emotionale Spannung, wie sie von Menschen hier ausgeht. Es ist uns gelungen, eine Identität zu schaffen, die eine Variante der jüdischen Identität der vergangenen zweitausend Jahre ist, und diese Identität ist eine andere als die von Juden in Antwerpen, New York oder München.“

Das neueste Werk von David Grossman „Aus der Zeit fallen“ gehört keiner herkömmlichen literarischen Gattung an. Es mischt Prosa und Lyrik zu einem bewegenden Sprechgesang mit verteilten Rollen, darunter neben dem Chronisten der Stadt auch ein Zentaur, der womöglich einige Wesenszüge des Autors trägt. So heißt es zum Beispiel: „Meine Seele, sie wurde abgeschnitten/ im eisigen Weiß zwischen Wort und Wort./ Um mich selbst,/ allein um meine Seele kämpf ich hier,/ gegen mein Ausgelöschtwerden/... Mein Leben hängt jetzt ganz / am dünnen Faden der Feder.“ Zuletzt sehen sich die „Sprecher“ vor einer unüberwindbaren Wand an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Erschreckende Realität

Eine Handlung gibt es nicht. Stattdessen sind es überwiegend Selbstgespräche, die Grossman in seiner „Todesfuge“ mit mehreren Zungen spricht: „Ich möchte trennen die Erinnerung vom Schmerz ... den Schmerzbrand der Erinnerung.“ Es geht um Grenzerfahrungen im weitesten Sinn. Die Konturen verwischen sich, werden zum Traum und kehren in die erschreckende Realität zurück.

Lösungen? Eine Lösung gibt es nicht, es sei denn durch das Bemühen um ein gegenseitiges Verstehen. Eine Politik der Abschreckung, wie sie in den 80er Jahren im Kalten Krieg noch zum politischen Alltag gehörte, gilt in Israel als unvermeidlich. Diese Botschaft zu verstehen, fällt dem Leser nicht leicht, so sehr wir mit Grossman übereinstimmen und auf Frieden hoffen. Der Leser durchläuft einen Lernprozess, der ihm das Fremde berührend nahe bringt. Grossman macht uns das Trennende bewusst. Dafür ist er zu Recht anerkannt und ausgezeichnet worden. Was er zu sagen hat, ist in jeder Hinsicht bedeutend. Der Intensität seines Anliegens und seiner Sprache kann man sich nicht entziehen.

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Aus der Zeit fallen von David Grossman, 2012, Hanser2.)

Aus der Zeit fallen.
Roman von David Grossman (2012, Hanser
- Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 27.1.2013:

Eine Trauer-Arbeit über den Tod des eigenen Sohnes

Der israelische Autor David Grossman verlor im Jahr 2006 seinen Sohn, eine Rakete der Hisbollah tötete ihn. Nun legt er mit dem Buch „Aus der Zeit fallen“ eine bewegende Trauer-Arbeit vor. Wie kann man den Tod seines eigenen Kindes überleben?

Im August 2006 starb Juri, der Sohn des israelischen Schriftstellers David Grossman. Juri war Feldwebel bei der israelischen Armee, er war 20 Jahre alt, er fiel im Südlibanon. „Fünf Jahre lang beschwiegen wir jene Nacht“, so heißt es nun zu Beginn des verstörenden Klage-Gesangs „Aus der Zeit fallen“.

David Grossman beginnt mit dem Dialog eines Ehepaares: „Ich muss gehn./Wohin?/ Zu ihm./ Wohin?/ Zu ihm, nach dort.“ Der Mann bricht auf, er läuft im Kreis, immer mehr Menschen schließen sich ihm an. Denn in diesem surrealen Vers-Epos haben alle – der „Chronist“, der „Herzog“, die „Hebamme“ und, ja, auch der „Zentaur“ – einen schier unaussprechlichen Verlust erlitten.

Grossmann glaubt an den Staat Israel

Wie kann man den Tod seines eigenen Kindes überleben? „Mein Leben hängt jetzt ganz/ am dünnen Faden der Feder“, sagt einer, der vorher Geschichten schrieb. Als Grossman vom Tod seines Sohnes erfuhr, arbeitete er gerade am Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Darin ging es, bittere Ironie, um die Angst, das eigene Kind könnte zum Opfer des Krieges werden. Grossman, der dafür 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, glaubt an den Staat Israel – und die Friedensbewegung. Dennoch ist sein Buch weit mehr als eine politische Anklage.

Denn im poetischen Geflecht der Sätze konzentriert sich ein derart elementarer Schmerz, dass auch dem Lesenden zuweilen der Atem stockt. So, wie die Gefallenen „aus der Zeit fallen“, so werden auch die Hinterbliebenen aus der Gegenwart gerissen, ins Gestern verbannt, allein mit ihren sterbenden Erinnerungen: „oder wenn er vom Strand zurückkam/ mit Salzgeruch im Haar“. Grossmans Buch ist eine ergreifende, erschütternde Trauer-Arbeit.

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Aus der Zeit fallen von David Grossman, 2012, Hanser3.)

Aus der Zeit fallen.
Roman von David Grossman (2012, Hanser
- Übertragung Anne Birkenhauer).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier vom 9.2.2013:

Trauerzug für alle Söhne, die „gefallen“ sind.
David Grossman hat in "Aus der Zeit fallen" Worte für die Trauer gefunden.

Aus der Zeit fallen. Ein Mann geht im Kreis. Er muss gehen. Wohin? Zu IHM. Wohin? Nach dort. Was ist das: dort? Das weiß er nicht. Er hat seinen Sohn im Krieg verloren.

Es ist der große israelische Schriftsteller David Grossman, der in „Aus der Zeit fallen“ Worte für die Trauer gefunden hat.

Uri Grossman war 20, als am Ende des zweiten Libanonkrieges im August 2006 sein Panzer getroffen wurde.

Damals saß sein Vater vor dem Manuskript zu „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Als Beschwörung war’s gedacht gewesen: damit „sie“ nicht kommen – in Israel sind es meistens drei – und die Nachricht überbringen, der Sohn sei „gefallen“. Sie kamen.

Im Exil

Ein Mann geht im Kreis. Viele, deren Söhne starben, schließen sich ihm an.


„Aus der Zeit fallen“ ist ein Klagelied in Form einer antiken Tragödie. Das Buch sieht lyrisch aus, liest sich wie Prosa und ist Ergebnis der Erkenntnis: Wenn er, Grossman, schon dem Schicksalsschlag nicht entrinnen konnte, wollte er die Trauer – dieses Exil – wenigstens präzise beschreiben
Manchmal sind David Grossmans Worte derart dramatisch, dass sie das Herz verfehlen. Zumeist aber hat die Totenklage den (nur scheinbar) einfachen, weisen Ton, und dann spürt man sich und alles.

KURIER-Wertung: **** von *****

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