Bei Anbruch der Nacht von Kazuo Ishiguro, 2009, BlessingBei Anbruch der Nacht.
Roman von Kazuo Ishiguro (2009, Blessing).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 12.9.2009:

Der Klänge der Sehnsucht bei Kazuo Ishiguro
Der Schriftsteller Kazuo Ishiguro erzählt in "Bei Anbruch der Nacht" von musikalischen Begegnungen – und erweist sich erneut als Komponist der feinen Art.

Kazuo Ishiguro ist ein höflicher Autor, wie feine Seide umhüllen die Sätze sein literarisches Personal. Zart fängt der japanischstämmige Brite Stimmungen ein – und menschliche Schicksale. Denn seine Figuren sind Gefangene ihres Daseins, ihrer Aufgabe im Leben, so unterschiedlich sie sein mag.

Dem formvollendeten Butler seines (durch die Verfilmung berühmt gewordenen) Romans „Was vom Tage übrig blieb” folgten Klon-Kinder, die im Waisenhaus einzig zum Zwecke der Organspende herangezogen wurden („Alles, was wir geben mussten”) – oder ein Musiker, der vor einem Auftritt durch Straßen und Begegnungen irrt, die wie im Traum beständig ihre Form verlieren. Das musikalische Thema dieses Romans „Die Ungetrösteten” greift Ishiguro nun in einem so wohl wie melancholisch klingenden Erzählband erneut auf.

Es ist ein Abschied

Ein Straßenmusiker in Venedig soll einen gealterten Musikstar bei einem Ständchen für seine geliebte Ehefrau begleiten. Während das Duo in der Gondel unter dem Balkon der Liebsten Position bezieht, erfahren wir den wahren Grund für die Darbietung: Es ist ein Abschied, nach 27 Jahren und bei aller Liebe. Das geplante Comeback erfordert es, so der Ex-Star: „Ich und Lindy, wir werden allmählich zur Lachnummer.”

Sein und Schein, Wohl- und Missklang sind die Grundmelodien auch der übrigen vier Geschichten. Während der Ex-Star Gefangener seiner Erfolgsgeschichte ist, können die Misserfolgreichen ihrem Schicksal ebenso wenig entrinnen: Der jugendliche Singer-Songwriter sucht seine Ruhe auf dem Land, der Jazz-Saxofonist seine Schönheit in der Klinik – vergeblich. Und die Cello-„Virtuosin” spielt das Instrument nur in Gedanken.

Im Hintergrund hören wir Seide leise rascheln: Ishiguro verleiht der Sehnsucht Klänge.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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