Bis das der Tod uns scheidet.
Lyrik & Tuschezeichnungen von Alexander Peer (2013,
Limbus)
Besprechung von Helmut Schönauer -
schoenauer-literatur.com, 2013:

Gibt es eine Therapie gegen eine Liebe, die ständig im Kopf durchschlägt?
Und was tun, wenn die Therapie die Ursache der Verstörung ist?

Alexander Peer spannt seinen Ich-Erzähler auf die Folterbank der Liebe. Auf der einen Seite zerrt eine Liebschaft mit einer gestandenen verheirateten Frau, auf der anderen Seite schlägt immer wieder der gute Fritz durch, wie Friedrich Nietzsche im inneren Monolog als Privat-Heiliger angesprochen wird.

Der Held schlängelt sich als Deutschlehrer getarnt durch ein unauffälliges Leben, das freilich von starken philosophischen Schüben und Kopfattacken geprägt ist. "Das Leben bei Nietzsche fand fast immer im Schreiben statt." (25) Nach dieser Maxime lebt auch der Lehrer, der wohl schon allerhand Erotik erlebt hat, aber den es jetzt anlässlich einer Schreibwerkstatt wieder einmal wild getroffen hat, Rebecca eine amerikanische Künstlerin reißt ihn noch einmal eine Romanlänge vom Hocker.

"Wie setzten uns an den Tisch, waren zwei Tiere, die man vielleicht zu oft gegen den Strich gestreichelt hat." (22) Daraus entwickelt sich eine seltsame Beziehung mit Leidenschaft, die stets in gute Sätze gekleidet sein muss, dafür dient der Philosophie-Schatz Nietzsches.

Dabei geht es in der Beziehung recht magazinhaft-bunt zu, nach einem Monat gesteht Rebecca ihrem Denk-Lover, dass sie verheiratet ist, worauf dieser in einen Swingerclub geht und sich alles durchlutschen lässt, bis ihn ekelt.

Oft reden die beiden über kulturelle Unterschiede zwischen Amerika und dem Nietzsche-Kontinent, was immer sie verbal oder in Umarmungen anpacken, hat auch einen Leitsatz. "Der Subtext ist der Sex. Der Metatext die Geisteswissenschaft." (88)

Soll ich etwas Perverses sagen, fragt der Ich-Erzähler einmal, und hat auch etwas Perverses auf Lager: Buchhalterin! (Wir Leser hätten Bibliothekarin erwartet.)

Die Treffen mit Rebecca münden immer öfter in Abstürzen, einmal gelingt es dem Deutschlehrer nicht mehr, die Erregung der vergangenen Nacht zu bändigen und es kommt vor den Schülerinnen bei der Prüfung der Modalverben zu eine sinnlosen Erektion. Dann wieder bemängelt der Held das Hohlkreuz, das aus einer geschwollenen Brust entstanden ist, wegen der Lektüre von Nietzsche.

Manche Erkenntnisse haben Weltniveau, "nicht nur die Menschheit wächst ständig, auch der Bücherberg", beides ein Ergebnis von sexueller und intellektueller Leidenschaft. Am Schluss versickert die Liebschaft, der letzte Satz lautet wie immer, ich rufe dich an.

Alexander Peer rollt diese heftige Leidens- und Leidenschaftsgeschichte witzig und mit vollem intellektuellen Ernst auf. Längst ist den Beteiligten klar, dass man Kopf und Leidenschaft nur als abwechselnde Therapie gegen das andere einsetzen kann. Die alte Volksweisheit, wonach man beim Sex nichts denken darf, erhält erfrischend kluges Unterfutter!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 1117 LYRIKwelt © H.Schönauer/Rezensionen-online