Chronik der Nähe.
Roman von Annette Pehnt (2012, Piper).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 4.4.2012:

Schweigen gilt nicht
Die Frau, die von ihrer Mutter erdrückt wurde: Annette Pehnts liefert eine treffsichere Frauendynastie-Roman „Chronik der Nähe“ ab.

Die Schriftstellerin Annette Pehnt weiß, wie man Romanfiguren zu nahe tritt, ohne direkt aufdringlich zu werden. In der „Chronik der Nähe“, der Titel lässt es ahnen, geht es auch unter den Romanfiguren genau darum: Wie nah will man aneinander heran, oder lieber nicht, und: Wie ist es dazu gekommen.

Da gibt es erstens eine Mutter, die ihre Tochter zugleich alleine und nicht in Ruhe lässt. „Mutter bedroht Annie mit dem Tod, das kann sie gut. Ich sterbe, sagt sie zunächst leise ...“ Als der Vater tot umgefallen ist – denn neben dem angedrohten gibt es hier immer den echten, dauerhaften Tod, der keine großen Worte macht –, sagt die Mutter: „du musst bei mir bleiben“. Und „Annie nickt gegen ihre Brust, obwohl sie nicht weiß, worauf Mutter hinauswill: Wo soll sie denn sonst hin.“

Annie soll auf die Hühner aufpassen – „wenn sie sterben, bist du schuld“. Annie gibt sich Mühe, „sie ist ja nicht auf den Kopf gefallen und hat einen Mund zum Fragen und Augen im Kopf“. Annie lernt auch, mit Heimlichkeiten umzugehen, mit ihren, mit denen der Mutter, die manchmal ihre Freundin sein will. „,Wir zwei Mädels‘, sagt Mutter und zwinkert Annie zu, ,wir müssen etwas aus uns machen.‘“ Annie wird oft weggeschickt, einmal trifft sie einen Mann im Hausflur, als sie eher zurück ist. Annie lernt Imitieren und Improvisieren.

Irgendwie so muss es kommen, dass Menschen zu dem werden, was sie sind.

Penth behandelt psychologische Themen

Da gibt es nämlich dann zweitens eine Mutter, die keine Kinder haben wollte, „schon gar keine Töchter, nicht noch mehr davon“. Ihre Tochter buhlt um die Liebe der Mutter, die sich ihrerseits sofort „belauert“ fühlt. „Umarmen: nicht so leicht. Einer von uns sträubt sich kaum merklich.“ Die Tochter duckt sich unter dem Vorwurf weg, sie sei so ein Schreikind gewesen. Die Mutter landet fabelhafte Double-Bind-Schläge. „Wer was im Kopf hat, muss sich nicht anmalen“, lernt die Tochter, „klug muss man schon sein ... .“ Und doch beendet die Mutter das Gespräch mit dem Satz: „Aber Grün steht dir so gar nicht.“

Als die Mutter zu einem Vortrag eingeladen wird, „da beugte ich mich, ich konnte nicht anders, vor. Und fragte dich besorgt, du weißt aber, dass die Zuhörer alle studiert haben“. Dabei liebt sie ihre Mutter, und wenn sie aufrechnet, rechnet sie: „Aber ich habe bald zwei Kinder. Du nur eins. Ich habe dich lieb und du nicht.“

Die grammatische Unschärfe des letzten Satzes wird Annette Pehnt nicht unterlaufen sein. Und wer die Anrede als literarische Form nicht schätzt, wird doch respektvoll feststellen, wie geschickt und kalkuliert Pehnt sie einsetzt. Es geht ja ums Reden, Seite um Seite. Die Großmutter redet, um sich in Szene zu setzen und ihre Tochter zu manipulieren und zu dressieren. Die Tochter, Annie, die inzwischen selbst Mutter ist, redet, um sich die Tochter vom Leibe zu halten, um keine Zeit für Fragen zu lassen. Und auch sie setzt sich dabei in Szene – nicht melodramatisch, sondern quasi als moderne Tragödin. Übrigens ist sie – ebenso logisch wie ironisch – Übersetzerin. Die Tochter redet, weil sie sich fürchtet. „Seit ich sprechen kann, spreche ich von Angst. Um sie zu vertreiben natürlich, oder warum spricht man überhaupt.“

Jetzt liegt die Mutter im Krankenhaus und während sie schweigt, redet die Tochter also auf sie ein. So kennt sie das. Sie entstammt einer Dynastie aus Rednerinnen (die Männer sind eine andere Geschichte, auch wenn es wesentlich ist, „den Richtigen“ zu finden): „Großmutter Mutter Kind: wortgewaltig, Lästermäuler, nicht auf den Mund gefallen, Quasselstrippen, Plaudertaschen, Zwitschermaschinen, redselig. Plötzlich schweigen gilt nicht.“ Zwischen den Reden der Tochter wird aus Sicht ihrer Mutter Annie aus deren Kindheit am Kriegsende und in die Fünfzigerjahre hinein berichtet. Nur sie bekommt einen Namen, vielleicht weil nur sie in einer Doppelrolle auftritt, damals Tochter, jetzt Mutter.

Ähnlich wie im Altersheim-Roman „Haus der Schildkröten“ (2006) oder in „Mobbing“ (2007) befasst sich Annette Pehnt in „Chronik der Nähe“ mit psychologischen Themen, die auch in einschlägigen Frauenzeitschriften dargelegt werden. Hier: Die Frau, die von ihrer Mutter erdrückt wurde, so dass sie der Tochter nicht die Liebe geben kann, die diese ersehnt. Oder: Wie der Zweite Weltkrieg – inklusive der Frage: Wem gehören die Erinnerungen an den Krieg? – nachwirkt zu den Kindern und Kindeskindern (Pehnt ist Jahrgang 1967, ähnlich vermutlich wie Annies Tochter).

Aber gerade, weil die Muster vertraut sind, imponiert, wie treffsicher Annette Pehnt sie mit Leben füllt und in winzigen Situationen zu fassen bekommt. Und wie sie dabei von Schlagworten oder übergreifenden Erklärungen absieht. Was bleibt, sind die Gemeinsamkeiten, auf die die Tochter wert legt. „Ja, wir werden zusammen älter.“ Bescheidene Gemeinsamkeiten. Und dass man von seiner Mutter etwas erbt, und wenn es bloß ein blauer Mantel ist. Von dem die Leser mehr wissen als die künftige Erbin.

Denn das ist der auf ruhige Art ziemlich gemeine Teil dieses besonnenen Romankonstrukts: Wir sind es, die sämtliche Geschichten erfahren, um die die Tochter ihre Mutter vergebens anfleht.

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