Das Halbhalbe und das Ganzganze von Safiye Can, 2014, Literatur-QuickieDas Halbhalbe und das Ganzganze.
Kurzgeschichte von Safiye Can (
2014, Literatur-Quickie).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, August 2014:

"Hab dich vermisst. Und alleine rauchen ist blöd!“
Safiye Can, der mit ihrem starken Lyrikband „Rose und Nachtigall“ ein großes Debüt in der Literaturwelt gelang, kann auch, um mich salopp auszudrücken, Prosa.

Ein nächstes, wie ich denke, gelungenes Debüt in der Welt der Erzähler, das mich als Leser beschäftigt und mich auf fast magische Weise verleitet, die als Kurzgeschichte deklarierte Erzählung „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ immer neu und anders zu lesen und zu hinterfragen und zu interpretieren.

Es geht um zwei junge Menschen, eine Frau und einen Mann, die ein Kunstevent vor drei oder vier Jahren zusammenführte und die seitdem versuchen, ihre parallel verlaufenden Lebensläufe gemeinsam zu verstehen und ihren Standort im Leben zu analysieren. Das geschieht, von Safiye Can raffinert gemacht, in unterschiedlichen Kapiteln, deren Überschriften schon auf das jeweilige Thema hinweisen, etwa „Das Kennenlernen oder Dostojewski, Tolstoi und Puschkin“ oder „Kaffeesatzlesen“, „Der Ring“, „Die Liebe“ oder „Gisela und der Existenzialismus“. Das Verhältnis der beiden zu einander ist vielleicht die Geschichte einer aufkeimenden Freundschaft in Fortsetzung oder auch eine Liebesgeschichte in der Schwebe, deren Ende offenbleibt.

Es geht um Friedrich, einen Mann, der eigentlich einen anderen Namen trägt, aber von Sofia, der Frau, Friedrich genannt wird und es einvernehmlich hinnimmt. Sofia, man merkt es schnell, trägt autobiografische Züge der Dichterin Safiye Can, die, wie hinreißend, als Übersetzerin eines Gedichtes von Nazim Hikmet „Wie Kerem“ zitiert und geoutet wird und mit diesem Schachzug den Kreis zu ihren Gedichten schließt.

Beim Lesen des Erzähltitels musste ich unwillkürlich an die Wutrede des Fußballlehrers Trapattoni denken, entdeckte aber während der Lektüre die politische Dimension, die trotz allen Ulks ernsthaft hinter dem Titel „Das Halbhalbe und das Ganzganze“ steckt. Denn beide Protagonisten wurden in Deutschland geboren, haben aber türkische Eltern. So versteht sich Friedrich als halbhalb, Sofia aber als ganzganz trotz ihrer Abstammung. Aber sie geraten nicht in Streit deswegen, vielleicht weil Sofia ihren Anfangssatz vergessen hat.

In vielen Kapiteln der Erzählung kommt mir Friedrich wie die beste männliche Freundin Sofias vor, ebenso wie Sofia der beste weibliche Freund zu werden scheint, weil bis auf eine Umarmung die Körperlichkeit, die jede Liebe vollendet, zwischen den beiden ausgeblendet bleibt.

Das mag ein dramaturgischer Trick sein, die den Umgang der beiden miteinander und ihren Gedankenaustausch offener und ehrlicher macht, frei von Korruption.

Wir erfahren viel vom Denken und Fühlen einer Generation der zwanzig bis vierzig Jährigen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und den Hintergründen des Hierseins des Hierseins und Lebens in Deutschland, als halbhalb oder ganzganz. Beide Protagonisten haben ihr Studium abgebrochen, wollen unangepasst leben, sind junge Menschen im Aufbruch, geprägt von Traditionen, die sich langsam aufzulösen scheinen in ihren Köpfen, obwohl sie nicht völlig von ihnen lassen können.

So wird ein türkischer Selbstmörder, Friedrichs bester Freund, nicht in seiner Heimat, der Türkei begraben, sondern in deutschem Boden. Ein Hodcha ist am Grab dabei, der in seiner Rede klagt, dass Selbstmord Sünde sei. Beide Protagonisten sind gebildet und, gut unterrichtet, unterwegs in den Weltkulturen, haben Tolstoi, Dostojewski, Nietzsche, Sartre, Beckett und Camus gelesen, lieben Kino, Klassische Musik und das Pink Floyd-Album „A Momentary Lapse of Reason“. Sie machen Selbstversuche mit Alkohol, konsumieren Mehl als Koks und Friedrich lässt sich für die Hochzeit eines Freundes, ein Halbhalber – halb deutsch und halb Armenier-, einen Kilt anfertigen, während Sofia ihm ein Kurzmitteilung schickt: „Hab dich vermisst. Und alleine rauchen ist blöd!“

Safiye Cans Erzählung, ist witzig, lakonisch, aber auch intensiv, dass trotz aller Leichtigkeit ihrer erzählerischen Sprache der Leser innehält und erst einmal, nachdenklich geworden, durchatmen muss.

Und letztendlich, komme ich auf den Anfang zurück, ist diese Erzählung doch auch eine sanfte und zärtliche Liebesgeschichte.

„- Was ist mit „Ich liebe dich“?, fragt er. – Ach, „Ich liebe dich“ ist viel zu überwertet, sage ich. Außerdem, „Ich liebe dich“, sagt man nicht, „Ich liebe Dich“ zeigt man.

- Spricht das deine deutsche oder deine türkische Seite, fragt er.

- Meine Menschenseite, antworte ich. Und ich weiß, dass Friedrich weiß, dass es in der Liebe keine Seite gibt. Kein Alter, sage ich, keine Herkunft, keine Logik und keine Podiumsdiskussionen.“

Wie gesagt, Safiye Can kann auch Prosa und wie!

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