Das Leben und Träume der Mimi H.
Roman von Inge Meyer-Dietrich (2016, Verlag Henselowsky Boschmann).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 27.12.2016:

Revier aus Frauen-Augen
Inge Meyer-Dietrich „Leben und Träume der Mimi H.“

Am Ende werden wieder die Kohlenwagen aneinanderknallen, die Schachtsirenen gellen und Rauchfahnen den Himmel verdunkeln. Und Mimi, die Heldin dieses Ruhrgebietsromans, wird sich nicht vorstellen können, dass es jemals anders sein wird, denn es war ja schon immer so.

Zweieinhalb Jahrzehnte umspannt der neue Roman von Inge Meyer-Dietrich, der irgendwo im Osten des Reviers spielt, zwischen Lütgendortmund und Werne, aber das ist nur Zufall, er könnte auch zwischen Duisburg und Wanne-Eickel spielen. Mimi ist Bergmanns-Tochter, ihren Vater kennt sie nur aus den Erzählungen ihrer Mutter, er kam um bei einem Grubenbrand, und die Zecheneigentümer behaupten, er habe ihn durch eigenen Leichtsinn ausgelöst, so sparen sie sich die Witwenrente für Mimis Mutter. Die hat sich deshalb einen neuen Mann gesucht, ebenfalls Bergmann, und der drängt die junge Näherin Mimi aus dem Haus, er will Platz für die vielen anderen Kinder.

Der konventionelle Faden einer unkonventionellen Geschichte

Mimi wird sich irgendwann selbstständig machen, wird ihren Heinrich heiraten – aber das ist letztlich nur der konventionell anmutende Faden, an dem entlang Inge Meyer-Dietrich ein Kapitel Ruhrgebietsgeschichte erzählt, das bisher meist eine Angelegenheit der Historiker geblieben ist.

Vom klassischen Revier werden wir bald Abschied nehmen

Mit großer Sachkenntnis und kräftigen Strichen zeichnet Inge Meyer-Dietrich ein lebendiges Bild des klassischen Reviers, von dem die Welt in den nächsten beiden Jahren Abschied nehmen wird. Dass sie Jugend- und Kinderbuchautorin ist, sorgt für klare, knappe Sätze, die nie behaupten, mehr darstellen zu wollen als sie sind, der Ton ist so lakonisch bis naiv, wie man ihn sich für die historischen Menschen dieser Zeit vorstellen mag. Und am Ende wird man auf sehr konkrete, sehr einfache Weise vor Augen geführt bekommen, wie die späten Folgen des Ersten Weltkriegs und die wirtschaftlichen Interessen Einzelner die Nazi-Herrschaft möglich gemacht haben.

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