Die Dunkelheit knistert wie Kandis von Hellmuth Opitz, 2011, Pendragon-VerlagDie Dunkelheit knistert wie Kandis.
Gedichte von Hellmuth Opitz (2008, Pendragon Verlag).
Besprechung von Marcus Neuert, April 2012:

Mit seinem jüngsten Lyrikband „Die Dunkelheit knistert wie Kandis“ erweist sich Hellmuth Opitz einmal mehr als Meister des leichten Zugangs zu moderner Lyrik.
In acht Zyklen sind die Gedichte unterteilt, und jeder der Unterabteilungen ist ein kurzes Songzitat in englischer Sprache vorangestellt, das die nachfolgenden Texte thematisch-athmosphärisch umreißt und gleichzeitig eine Hommage des Autors an die Lyrics der angloamerikanischen Rock- und Singer-Songwriter-Tradition darstellt, der er eigenem Bekenntnis nach einst seinen dichterischen Grundimpuls verdankte.

         Schon im ersten Kapitel namens „Zum Tee wurden feinste Schneebemerkungen gereicht“ wird deutlich, mit welch subtiler Sprachbildbeherrschung Hellmuth Opitz den wirkungsvollen Balanceakt zwischen melancholischer Betrachtung und ironisierender Brechung realisiert: „Die Autos hatten/längst auf Kiemenatmung umgestellt/dicht am gewundenen Flusslauf der Straße/die Kühlergrills voller Eiszapfen/lauerten sie: Welse in stillen Buchten.“ (aus: „Winterwartungsarbeiten“, S.10).

         Manchmal resultiert die Faszination auch ganz einfach aus einer Umkehrung von Gewohntem, so im Gedicht „Gegenüberstellung“, in der Männer zum Zwecke der Identifizierung antreten, und das dann unvermutet mit den Worten endet: „Der Mann, der aus der Reihe tritt,/sich vor die Scheibe stellt, der darauf zeigt/und auf die Frau, die er nicht sehen kann,/der dennoch auf sie zeigt und sagt: Die ist es.“ (S.16).

         Eines von Opitz’ elementaren Themen ist die Liebe, die Zweisamkeit in all ihren gelebten und ungelebten Facetten, und bittersüß, manchmal fast schon herrenschokoladig, doch stets mit den überraschenden Krachmandeln der Selbstironie durchsetzt, kommen seine diesbezüglichen Verse daher: „All dieser Aufwand, diese Mimik,/nur, um mich in der Illusion zu wiegen,/ein guter Liebhaber zu sein?//Wenn das nicht Liebe ist,/dann weiß ich auch nicht, Liebes,/dann sag ich nur: da capo,/spiel’s mir noch einmal vor.//Komm schon.“ (aus :„Method Actress“, S.29).

         So sinnfällig und auf Anhieb nachvollziehbar bedient sich sonst kaum jemand im deutschsprachigen Raum einer phantasievollen Metaphorik: „Himmel. Herrgotts Homepage//So oft du aufblickst./So oft du draufklickst./Kein Zeichen. Kein Wunder.//Nicht einmal ein Baustellenschild/mit dem Hinweis: hier entsteht eine/neue Präsenz Gottes.“ (S.47)

         Opitz, das ist auch immer der Regisseur unseres inneren Kinos: er versteht es, die Bilder so zu lenken, dass sich eine ganze Imagination in uns aufbaut, im vorliegenden Band vor allem in seinen New-York-Gedichten, beispielsweise wenn er in „Jeannie zaubert im Beekman Tower“ eine Begegnung mit einer Ikone seiner Kindheit, der Schauspielerin Barbara Eden beschreibt: „Nur einmal,/nach einem Schluck Wein, kreuzten sich/kurz unsere Blicke: Sie zwinkerte/und augenblicklich fuhr ein Blitz/hernieder, eine leuchtende Schramme/im glitzernden Antlitz der Skyline.“ (S.41).

         Der Autor, im Brotberuf Mitgesellschafter einer Werbeagentur, erlaubt sich mitunter so bitterböse Seitenhiebe auf die real existierende Geschäftswelt und ihre Protagonisten, dass man sich unwillkürlich fragt, ob sich diese Haltung nicht geschäftsschädigend auswirken muss (vgl. Gedichte wie „Powerpoint-Karaoke“, S. 49, „Hohe Tiere I-III“, S.51-53). Opitz verbucht dies vermutlich augenzwinkernd unter der Rubrik „kalkuliertes Risiko“. Er weiß, er braucht keine Namen zu nennen, und die, die gemeint sind, lesen in der Regel keine Gedichte – oder (Idealfall!) sind dann letztendlich doch selbstkritisch genug, um nicht ausschließlich ungehalten zu sein.

         Ein weiteres interessantes Kapitel ist „Die Dinge tun einfach ihre Pflicht – zwölf profane Haushaltsgedichte“. Hier gelingt es ihm, Alltagsgegenstände zu beseelen, vom beleidigten Briefbeschwerer bis zum coolen Toaster, vom explodierenden Mikrowellengerät bis zur tablettensüchtigen Spülmaschine. Das ist fraglos publikumswirksam und im Zusammenspiel mit seinem hintergründigen, wie aus der Hüfte schießenden Leseduktus vor allem live sehr unterhaltsam – mit solchen Texten schafft der Autor mühelos die Klammer zwischen Wasserglaspoesie und Slam-Bühne.

         Und dennoch sind es vor allem die leiseren, gleichsam nach vorn und hinten geöffneten Verse, die nachschwingen, wenn wir das Buch aus der Hand legen, so wie der Zyklus „Acht Postkarten aus einem Svendborger September“, wo es z.B. von einem „leerstehenden Bürohaus aus den siebziger Jahren“ heißt: „Das Abendlicht/legt Sprengladungen in die Fenster des Gebäudes, das vor gar nicht langer Zeit mal Zukunft hieß.“ (aus: „Busbahnhof“, S.77). Oder die bitter-ironische „Bungalowsiedlung“, die gepflegte Wohlhabenheit verströmende und dennoch erschütternde Altersendstation in Sun-City-Manier, deren Bewohner „schildkrötengleich den Nachmittag verdämmer[n]“ (S.79).

         An beeindruckender Sprachartistik findet sich wahrlich genug zwischen den Deckeln dieses Buches. Und der formale Reichtum, der sich mit Anleihen an Sonett, Lied, Terzine und grafische Textaufbereitung immer neu ausprobiert, auch die im 21. Jahrhundert noch verbliebenen Möglichkeiten von End- und Binnenreim zu nutzen versteht, zeugt nicht nur von der Liebe zur Üppigkeit des dichterischen Ausdrucks, die den Bielefelder Autor umtreiben mag. Wenigen seiner Zunft gelingt es wie ihm, Charme, Anspruch und Kalkül so deckungsgleich zu machen, und die freilich nur scheinbare Mühelosigkeit dieser Übung steuert ihren Teil zum Genuss der Gedichte bei – und wenn es denn stimmt, dass Gedichte Lebensmittel sind, ist Hellmuth Opitz unbedingt ein Erzeuger, der unser Vertrauen verdient.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0512 LYRIKwelt © Marcus Neuert