1.) - 2.)

Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante, 2016, SuhrkampDie Geschichte eines neuen Namens.
Roman von Elena Ferrante (2017, Suhrkamp -
Übertragung Karin Krieger).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 13.01.2017:

Ehe als schlagende Verbindung
Elena Ferrantes zweiter Neapel-Roman, „Die Geschichte eines neuen Namens“,  ist ein starkes, liebenswertes Breitwand-Gemälde der italienischen Gesellschaft

Gott sei Dank, Neapel hat uns wieder! Es sind die frühen Sechzigerjahre, als die Ehe noch eine schlagende Verbindung ist und Lenù und Lila dabei sind, sich auf jeweils sehr unterschiedliche Weise herauszubuddeln aus ihrem angestammten Milieu, dem Rione der Stadt.

Wir kennen die Mädchen bereits aus dem vorangegangenen Buch der Elena Ferrante, dieser großen Anonyma des aktuellen italienischen Literaturbetriebs. In ihrem Roman „Meine geniale Freundin“, dem ersten einer auf vier Bände angelegten Neapel-Saga, sind Lenù und Lila noch Kinder. Inmitten des turbulenten Treibens der armseligen Rione-Familien – rigorose Geschäftemacher, große Liebende und wahnsinnig Hassende – sind die beiden Mädchen so leuchtende, gleichermaßen Angst und Hohn herausfordernde Ausnahmen an Geist, Intelligenz, Fantasie, Entschlusskraft. Doch ihre Wege trennen sich bald, die kluge Lenù geht aufs Gymnasium, die hochbegabte Lila in den Unglückshafen einer Wohlstand versprechenden Ehe.

Da beginnt das zweite Buch, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Die 16-jährige Lila, die durch die Hochzeit mit dem Salumeria-Besitzer Stefano dessen Namen trägt, weiß seit der Hochzeitsnacht, dass sie einen Fehler gemacht hat. Besiegt und gedemütigt von einem ungeliebten Mann, von dieser Schmach zeugt nun sein Name: Carracci, der jetzt und für immer der ihrige sein wird. Signora Carracci – Lila ist, als würde sie sich mit dem Verlust ihres Mädchennamens selbst auflösen, als flösse sie formlos auseinander. Aufgetakelt, protzig, relativ reich, begehrt von beinahe allen Männern des Viertels, aber unglücklich, voller Verachtung von Anfang an – so sieht ihr neues Leben aus. Dennoch, mit ihr an der Ladenkasse der neuen Salumeria blühen die Geschäfte, vermehren sich die Lire. Und als man zusammen mit den Camorra-verdächtigen Solara-Brüdern Marcello und Michele in Neapels feinem Zentrum ein Schuhgeschäft eröffnet und zwar mit den von Lila entworfenen und ihrem Vater und ihrem Bruder produzierten Modellen, glaubt sie, endlich heraus zu sein aus der Armutsfalle des Rione.

Wie in der „Genialen Freundin“ zeichnet Autorin Elena Ferrante mit Meisterhand auch hier ein faszinierendes Bild der damaligen Gesellschaft. Sie lockt den Leser mitten hinein in den Strudel der Gefühle, Erfahrungen und Erkenntnisse ihrer eigentlich lebenslustigen Heldinnen, die es jedoch so schwer haben, sie selbst zu sein. Lila verweigert sich ihrem gewalttätigen Mann, ist nach wie vor genial, furchtlos, frech, kühn und stolz. „So ist das ganze Leben: Mal fängst du Schläge und mal Küsse.“ Damit will sich ihr freier Geist nicht abfinden.

Währenddessen spürt Lenù auf dem Gymnasium und selbst später noch an der Universität die durch ihre soziale Herkunft bedingte Distanz: einerseits die zu den gut situierten Kindern des Bürgertums – sie sind „uns überlegen, einfach so, ohne Absicht. Und das war unerträglich“; andererseits zu den Jugendlichen ihres Viertels, denen sie an Latein, Griechisch, Literatur und Geschichte unendlich viel voraushat. Den neapolitanischen Slang des Rione hat sie weitgehend abgelegt, die italienische Hochsprache macht sie zur Fremden in der eigenen Familie. Indem die Autorin das Leben von Lila und Lenù so facettenreich ausmalt und dabei all die anderen Figuren aus dem vorangegangenen Band nicht außer Acht lässt, bezieht sie die Leser mit ein in das Leben, Leiden und Lieben der ganzen, großen Rione-Gesellschaft. Und schafft somit ein starkes, gültiges und letztlich so liebenswertes Breitwand-Gemälde der italienischen Gesellschaft, deren Ausstrahlung man sich nicht entziehen kann, was man über die Strecke von mehr als 600 Seiten auch gar nicht möchte.

Aufstiegswillen, Bildungshunger, Leidenschaft und Liebeskummer; Verzicht, Vernunft, Verrat, Versagen, Verachtung, Versprechen, Verbote – sie sind die treibende Kraft im Leben dieser hier geschilderten jungen Generation der Mittsechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Alle scheitern sie irgendwie. Am tragischsten trifft es Lila. Denn auf Ischia, wo sie mit ihrer Schwägerin, ihrer Mutter sowie mit Lenù den Sommer verbringt und an den Wochenenden Ehemann Stefano empfängt, verliebt sie sich radikal und hemmungslos, folgenschwer und schicksalhaft in den genialischen Nino, den Mitschüler aus frühen Grundschuljahren und die heimliche Liebe der opferbereiten Lenù.

Mit deren intellektuellem Aufstieg,  mit ihrem Begabten-Studium in Pisa, mit ihrer Ahnungslosigkeit, was die geistige  Elite Norditaliens angeht, mit ihrem in nur 20 Tagen rasch in ein Schreibheft hingeworfenen Roman über den Sommer auf der Insel und mit der für sie überwältigenden Überraschung, von einem Verlag entdeckt und  veröffentlicht zu werden, wird  Lenù  aus ihrem Bescheidenheits-Dasein herausgehoben. Ferrante lässt die Ich-Erzählerin wieder zur aktiven Hauptfigur werden, die  nun das Band der Freundschaft zur gescheiterten Lila erneut aufnimmt und vermutlich in den noch ausstehenden Roman-Folgen drei und vier weiter knüpfen wird.

Als Leser jedenfalls ist man in freudigster Erwartung. Denn schon dieser zweite Roman ist die wunderbare Fortsetzung von „Meiner genialen Freundin“. Aber er zwingt nicht, dieses erste Buch gelesen zu haben. „Die Geschichte eines neuen Namens“ ist ein eigenständiger, großer literarischer Wurf.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0317 LYRIKwelt © Münchner Merkur

***

2.)

Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante, 2016, SuhrkampDie Geschichte eines neuen Namens.
Roman von Elena Ferrante (2017, Suhrkamp -
Übertragung Karin Krieger).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 29.08.2017:

Zweimal Leben
Band drei von Elena Ferrantes Neapel-Saga spielt mit weiblichen Lebensläufen.

Was ist nun eigentlich spannender, unterhaltsamer: Ein breit aufgestelltes Epos, in das man sich ganz und gar hineinfallen lassen darf für Stunden, Tage? Oder die serielle Wiederbegegnung mit Charakteren, deren Entwicklung man über die Jahre verfolgt? Das Geschick, mit dem das Werk Elena Ferrantes die Vorzüge von Epos und Serie verbindet, begründen womöglich die Faszination, die in ihrer Geschichte einer Frauenfreundschaft liegt. Wenn wir nun im dritten Band der großen Neapel-Saga Elena und Lila in ihren 30ern wiederbegegnen, sie als berufstätige Ehefrauen und Mütter erleben, dann gilt beides: Die klassentreffenhafte Freude, alte Bekannte zu sehen und das vomwindeverwehte, doktorschiwagohafte Vergnügen des Versinkens.

Was bisher geschah: Lila hat ei­nen Sohn bekommen (womöglich von Nino, den auch Elena liebt), sie hat sich von ihrem schlagenden Ehemann getrennt, schuftet in ei­ner Fabrik. Später wird sie sich von Mafioso Michele Solana engagieren lassen, um ihm beim Aufbau eines Lochkartenzentrums zu helfen. Elena hat die Universität abgeschlossen, einen ersten, sehr erfolgreichen Roman veröffentlicht. Sie wird einen Kommilitonen heiraten, Pietro, der aus angesehener Professorenfamilie stammt, wird mit ihm nach Florenz ziehen. Vor dem Hintergrund linker Studentenproteste entwirft Ferrante erneut ein dichtgewirktes Panorama der italienischen Gesellschaft, lässt zweierlei Frauenleben an ihre Grenzen stoßen, ob diese nun von der neapolitanischen Mafia gezogen werden oder vom großbürgerlichen Patriarchat. Immer wieder tritt als Sehnsuchtsgestalt Nino auf die Bühne, der sich mit Elenas Ehemann anfreundet, gar sie und ihre beiden Töchter zum Essen einlädt.

Von Lila hingegen entfernt Elena sich zunehmend. Einmal heißt es: „Ich wollte etwas werden, auch wenn ich nie gewusst hatte, was. ... Ich hatte nur deshalb etwas werden wollen, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte sonst etwas werden, und ich könnte hinter ihr zurückbleiben.“

Elena also lebt Lilas Leben, oder anders: Beide Lebensläufe fragen, was auch hätte sein können. Die Autorin Ferrante, die trotz aller Enthüllungsgeschichten weiter auf ihrer Anonymität beharrt, geht eventuell sogar noch einen Schritt weiter. Eine Szene gleich zu Beginn des aktuellen Bandes gipfelt in Lilas Forderung, ihre Freundin Elena solle es nur niemals wagen, über sie zu schreiben. Doch so, wie Ferrante ihren Büchern ein eigenes Leben zugesteht, so könnte auch Elenas Erzählung von Lila genau dies sein: ein eigenes, zweites Leben, das jedoch nur auf dem Papier besteht.

Und wenn der Roman am Ende auf eine atemlose Wendung zustürzt, dann fragen wir uns nicht nur, ob Band vier wohl den ersehnten rosa Himmel für Elena bringen wird. Sondern auch, in welcher Hinsicht das „Verschwinden“ ihrer Freundin Lila zu verstehen ist, das den Anstoß zur Erzählung gab – hat es sie je gegeben?

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0917 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine