Diese Haltestelle hab ich mir gemacht von Safiye Can, 2015, GrößenwahnDiese Haltestelle hab ich mir gemacht.
Gedichte von Safiye Can (
2015, Größenwahn Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, August 2015:

Manchmal weine ich, einfach nur so
Nach dem Sensationserfolg ihres ersten Lyrikbandes „Rose & Nachtigall, mit dem sie „all das Interesse der deutschen Literaturszene auf sich zog“, setzt Safiye Can, die 1977 als Kind tscherkessischer Eltern in Offenbach am Main geboren wurde, mit der Herausgabe ihres neuen Gedichtbandes „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“, behutsam ihren eigenwilligen und unvergleichbaren Weg als hoch sensible und unglaublich sprachbegabte Dichterin fort.

Noch immer fühle ich mich, während ich diese Besprechung schreibe, von ihren Texten verzaubert, die so verwunschen wie die Märchen aus Tausendundeiner Nacht daher kommen, obwohl sie die Dinge in realer Sprache punktgenau benennen. Vielleicht liegt es an den bestechenden Bildern, die weit zurück in persischen und türkischen Traditionen wurzeln, welche die Dichterin mit den Bildern und Metaphern heutigen Lebens und Wirkens in einen faszinierenden Kontext zu bringen versteht.

„Wann immer ich an einer Blume rieche, in mir das Bedürfnis/ mich zu entschuldigen“.

Wie schon im ersten Gedichtband gibt sie ihren Themen originellen Ausdruck und unwiederbringliche Gestalt wie Liebe und Freundschaft, Toleranz und Respekt, Nachsicht und Würde, Wirklichkeit und Traum. Wie mit den Werkzeugen eines Archäologen entfernt sie vorsichtig die Oberfläche, um in die Tiefe zu gelangen, um dort Verborgenes und Kostbares, sagen wir die Seele, aufzuspüren und mit ihren Worten zu bergen, was ihr schon im ersten Kapitel ihres Buches „Auseinandergehendes und Zueinanderstrebendes“ auf so berührende Art und Weise geglückt ist, dass man sich als Leser nicht einmal wundert, wenn einem Tränen über die Wangen laufen.

„Im Geäst der Bäume verfangen/ sich Träume, im Epizentrum/ stehen zwei Menschen/ Eng umschlungen, ohne/ festes Land unter den/ Füßen, ist es zu spät/ zum Kennenlernen oder zu früh/ Abschied zu nehmen?“

Überhaupt ist Safiye Can eine Meisterin, die Gefühlswelten und die Augenblicke, die unvergesslichen ebenso wie die brutalen, die zwischen zwei Menschen sind, zu beobachten und in die Poesie ihrer eigenen, unnachahmlichen Sprache zu übersetzen.

„Damals/ als du nach Dubai flogst/ und zuvor/ wir die Zeit anhielten/ wie die Fliege Mit einer Hand/ die Chaos Anrufe, weit nach Mitternacht/ und du deine Träume Hinterließest/ mir zum Analysieren.“

Oder: „Wer die meisten Träume hat/ wird nicht immer siegen/ ohne festes Land unter/ den Füßen senden sie/ eng umschlungen/ Wurzeln aus.“

Man kann sich fragen, wo steht die Dichterin in der Welt, was macht ihre „Existenzphilosophie“ aus?

Im titelgebenden Kapitel „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“ wird man als Leser schnell fündig und überrascht werden, dass das neue Buch von Safiye Can nicht nur  das erhoffte Poesiebuch, sondern auch ein eminent politisches ist. Mit der fiktiven Haltestelle hat sich die Dichterin ein Gedicht ohne Reim geschaffen. Die Haltestelle ist keine, an der angehalten wird, sondern eine, an der man im wahren Sinn des Wortes Halt sucht mit Hilfe von Vorstellungskraft und Fantasie. Diese Haltestelle dient der Dichterin dazu, sich der eigenen Existenz zu vergewissern und sie, die von allen Seiten bedroht ist, zu retten. Diese Haltestelle ist der Gang um die Welt. Sie ist das Rettungsboot und der Anker. Sie dient dem Selbstgespräch und dem Dialog mit einem fiktiven Gegenüber, das ich oder du sein kann, ein Freund, ein Geliebter, der, überhöht, zu Gott mutiert:

„Ich war mal verliebt/ danach musste ich an Gott glauben/ so vollkommen, verstehen Sie?“

Diese Haltestelle, die im Grunde nur im Kopf und im Herz der Dichterin existiert, und nur durch deren Niederschrift auch für uns staunende Leser, erzählt die Geschichte der Erde, erzählt vom Umgang der Menschen miteinander im Allgemeinen und im Speziellen, ist Abrechnung und Vision und verkörpert die Bitternis mancher Wahrheit: „sie wollten mir Begriffe beibringen/ ich verstand sie nicht/ Integration/ Exklusion/ Genozid/ Assimilation, beibringen/ sie wollten mir Geschichte zeigen/ ich verstand nicht/ also sagten sie, ich sei dumm“.

Oder: „Da singen sie aus dem Minarett/ so schön, dass man/ fliegen möchte/ kennen Sie Vorurteile?/ Verstehen Sie gar nicht so was?“

Oder: „wir weinen doch alle/ weinen Sie nie um andere?“

Durch Geburt in die Welt gebracht konstatiert die Dichterin: „ich wollte dieses Herz nicht/ es war nun einmal da, es änderte sich nicht/ versuchen Sie nicht Ihrs zu ändern/ Sie täten sich weh“.

Und sie findet: „man kann sich langweilen auf diesem Planeten/ so groß ist das alles nicht/ und jede Liebe bipolar“.

Wie dem entgehen? Selbstmord? Freiheit?

„Diese Wolke ist meine/ mehr braucht man nicht/ ich könnte jetzt aufstehen und gehen/ wären Sie auch Freitag genug/ mitzugehen?“

Die Alternative?

Vielleicht: „Wir alle sind aus einer Wurzel/ und dann wurde es mir zu bunt“.

Oder: „man sollte nicht böse sein/ auf jemanden, den man liebt/ so oft liebt man nicht so tief.“

Die Haltstelle der Dichterin ist ein Ort für Gedanken, Illusionen, Reflexionen und vielleicht ein erlösender Ort; “Leben und Wesen“ der Dichtkunst und Heimat der Fantasie: „Wo immer ich bin, da ist Heimat/ da ist die Heimatfrage, da ist Ferne/ ich verlor mich mal, andere verloren sich/ und fand mich wieder, viele blieben verschollen/ aus den Wörtern die richtigen zu fischen/ darauf kommt es manchmal an.“

Safiye Cans neues Buch ist nicht nur für heute wichtig und passend. Es ist Poesie, die einen zu einem besseren Menschen macht, so tröstlich wie ein geschenktes Bett und eine wärmende Decke. Es ist kurzum eine Tür, geöffnet für Freundschaft, Liebe und Mut zum Verstehen und zur Verständigung, ein Meisterwerk, das der Verlag schön ausgestattet und mit passenden und sanften Bildern versehen hat. Auch die Übersetzungen der Gedichte ins Englische von Hakan Akcit dürfen und sollen nicht unerwähnt bleiben, weil sie die Notwendigkeit des Buches aufs Feinste komplettieren.

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