Ein bisschen mehr
Gedichte von Carolina Ilica (
2016, Editura Academie Internationale Orient-Occident - Übertragung Mariana Bronisch-Lung).
Besprechung von Hellmuth Opitz für LYRIKwelt.de, November 2016:

Entdeckung auf Rumänisch
Die Lyrikerin Carolina Ilica und ihr Gedichtband „Ein bisschen mehr“

Es gibt bisweilen lyrische Entdeckungen, die man aufgrund spezieller Bedingungen erst etwas später macht. Was durchaus mit dem literarischen Betrieb und seiner selektiven Blicklenkung zu tun hat. Am Beispiel Rumänien lässt sich das trefflich aufzeigen. Während man der rumäniendeutschen Lyrikszene mit ihren herausragenden Autoren und Autorinnen wie Oskar Pastior, Herta Müller, Werner Söllner, Richard Wagner, Ernest Wichner, Klaus Hensel, Horst Samson und dem unvergessenen Rolf Bossert nicht erst seit der Wende 1989 publizistische Aufmerksamkeit widmete, segelte die rumänische Lyrik selbst eher im Windschatten verlegerischen Interesses daher. Deshalb ist es umso verdienstvoller, wenn man jetzt durch editorische und private Initiativen die Bekanntschaft mit einer Lyrikerin machen kann, die in Rumänien seit Mitte der 70er Jahre ein lyrisches Werk von beeindruckender Vielfältigkeit geschaffen hat: Carolina Ilica, 1951 im Dorf Vidra, Kreis Arad geboren, veröffentlichte ihr erstes Gedicht bereits im Alter von 14 Jahren. Mit diesem Poem gewann sie einen Wettbewerb und ab dann war ihr literarischer Weg vorgezeichnet. Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie mit 23 Jahren und schon wenig später, ab 1975, war sie Mitglied im rumänischen Schriftstellerverband. Sie arbeitete als Lehrerin und Journalistin, auch über die Wende hinaus, und übernahm ab 1994 diplomatische Aufgaben in der Republik Makedonien. Die Verbindung Rumänien-Makedonien war wohl auch einer der Impulse, der die rumänische Übersetzerin Mariana Bronisch-Lung dazu bewegte, die Gedichte von Carolina Ilica ins Deutsche zu übertragen, ihr deutscher Ehemann Matthias Bronisch hat einige Zeit in Makedonien gearbeitet. Die intensive Arbeit hat sich gelohnt. Der jetzt erschienene Gedichtband „Ein bisschen mehr“ ist eigentlich eher eine Sammel-Edition, die einen repräsentativen Überblick über das vielschichtige Werk Ilicas gibt. Auf 120 Seiten erstrecken sich Gedichte aus ca. einem Dutzend Gedichtbänden, dazu ein Kapitel mit bislang unveröffentlichten Poemen. Danach schließt sich ein umfangreicher Apparat aus „Kritischen Fragmenten“ an, in dem sich SchriftstellerInnen, KritikerInnen und Personen des kulturellen Lebens in Rumänien zu Werk, Bedeutung und Person Carolina Ilicas äußern. Eine detaillierte Bio-/Bibliographie sowie die Inhaltsangaben runden den 184 Seiten starken Band ab. Man ist fast versucht, mit dem Titel zu sagen: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Aber zurück zu den Gedichten. Mariana Bronisch-Lung bleibt in ihren Übersetzungen eng an der lyrischen Sprache von Carolina Ilica und das erweist sich gerade bei einem Sammelband, der Dekaden poetischen Formulierens überspannt, als sensible Strategie, kann man so doch die Entwicklung in der Gedichtsprache Carolina Ilicas dicht am lyrischen Objekt gut nachvollziehen. Um die Unterschiede bzw. die Entwicklung in den Gedichten kontrastreich zu illustrieren, seien zwei Gedichte hier gegenübergestellt. Das Poem „Ein Portrait“ stammt aus dem Kapitel der unveröffentlichten Gedichte und ist vermutlich in einer späteren Schaffensphase entstanden:

Ein Portrait

Ungezähmt war sie. Und jung. Sie war
Nur sie mit sich selbst; stark und grausam
Und unverständlich liebevoll.

So fangen wir alle an. Aber wer und wie lange
Bleibt wie er war, sich selber treu?

Ein Selbstportrait im Rückblick, so darf man vermuten. Den Weichzeichner hat Carolina Ilica weggelassen, keinerlei Sentimentalitäten trüben den Blick, eher mischt sich Erfahrung und Desillusion in die lyrische Betrachtung. Die früheren Gefühlsschwankungen zwischen den Extremen „grausam“ und „liebevoll“ werden mit Unverständnis betrachtet bzw. aus der Sicht der Realistin, die nüchtern die Anfänge einer Ungezähmten konstatiert und emotional einordnet. Insgesamt harsch skizziert, dieser Rückblick, ein Selbstportrait in groben Zügen. Ganz anders dagegen, von offensiver Zärtlichkeit beseelt, gibt sich das Gedicht „Schlaflose Nächte“, das aus dem wunderbaren Zyklus „Das kurze Gedicht über mein langes Leben“ stammt. Dieser Zyklus enthält 13 „(Doppel) Liebesgedichte“ Diese doppelten Liebesgedichte stehen sich jeweils auf einer Doppelseite gegenüber und symbolisieren so ein Ich und ein Du, ein Geben und Nehmen. Die in dem genannten Gedicht besungene Schlaflosigkeit hat eine einfache Ursache: die Leidenschaft einer Liebesnacht.

Oh, schlaflose Nächte, Liebesnächte,
Unter deiner Brust, wenn ich mich ganz hingebe,

Die Luft, sauberes Kloster,
Lichter schimmern durch Pflaumenblüten

Oh, schlaflose, durchwachte Nächte,
Wenn ich zu Gott bete, dich mir zu geben,

Mit so viel Verlangen und Leidenschaft,
Dass er geschmolzen auf meine Stirn tropft.

Die unverstellt dargebotene körperliche Liebe wird hier geradezu ostentativ zelebriert. Das aber in seiner Bedeutung nur auf ein Liebespaar reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Denn: Das „er“ im Schlussvers kann sich nur auf Gott beziehen und mit dem inhaltlich korrespondierenden Wort „Kloster“ zwei Strophen vorher lässt sich daraus auch ein Manifest religiöser Inbrunst ableiten. Im Grunde feiert der Zyklus aber eine ganz andere Liebesbeziehung – die zwischen Liebe und Poesie. Sie verschmelzen in diesen 13 Gedichten quasi zum Synonym. Der Übersetzerin Mariana Bronisch-Lung kommt das Verdienst zu, das Schwelgerische, die Leidenschaft, ja auch die Patina des Pathos ins Deutsche hinübergerettet zu haben. Dank ihrer feinsinnigen Transformation kann man in diesem Gedichtband die Vielstimmigkeit einer bedeutenden Lyrikerin auf intensive Weise nacherleben. Eine in jeder Hinsicht lohnende Entdeckung.

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