eremiten in wohngebieten von Matthias Engels, 2017, Verlag Rote Zahleneremiten in wohngebieten
Gedichte von Matthias Engels (
2017, Verlag Rote Zahlen).
Besprechung und Nachwort von Timo Brandt, im Januar 2017:

Es kann immer nur ein Versuch sein –

es darf ein Versuch sein!

I

Beginnen wir mit einem Klischee: Im Gedicht ist das Wort völlig frei. Denn auf poetischer Ebene verschmelzen das Anklingende und das Durchdringende eines Begriffs und er löst sich von seiner deklarierten Absicht – jede Nuance wird zur Chance, ein neues Talent in einem Wort zu entdecken; neue Bezüge, in denen es als Darsteller, als Requisite, als Geste brillieren kann.

In fast jedem Gedicht gibt es einen Punkt, ab dem man ungefähr begreift, wie es arbeitet, wie es seine Bewegung vollzieht, worauf diese Bewegung hinausläuft. Manchmal ist dieser Punkt schon am Ende des ersten Satzes erreicht, manchmal ist es erst die letzte Zeile, das letzte Wort, das einen die Spannweite des Gedichtes erkennen lässt.

Vielen Gedichten von Matthias Engels gelingt eine Gradwanderung: die Art der Bewegung kann man meist früh erkennen, die Gedichte verfolgen ihr poetisches Verfahren mit einer Stringenz, die nie ganz fallengelassen wird. Aber am Ende entsteht oft noch eine Tiefe, eine Weite wirft sich auf, es kommt zu einer Wendung. Eine leichte Variation oder Elastizität im Ton wird sichtbar.

und lass nur mein leiden und mein genesen
wenn ich ehrlich bin sind das von jeher
nur intervalle wie die striche der uhr gewesen
und schlagbäume gegen die wirklichkeit

So ein Moment, wenn das Gedicht sich an die wendet, sich öffnet und du stürzt hinauf, hinein. Du schwankst, wie das Gedicht schwankt, es versetzt die Welt in Bewegung, es pumpt sie dir ins metaphysische Zentrum, wo eine kleine Abschrift zurückbleibt, die dein Zweifel schon zerknüllen könnte.

nur an einem wort
ist meine dna nachzuweisen

II

Ich und Wir sind die zwei wichtigen Personalpronomen in Engels Lyrik. Sie tarnen sich manchmal als Du und manchmal tauchen sie gar nicht wortwörtlich auf. Aber sie sind die Fixsterne in der Nacht, die die Welt dieses Buches ist, die das Leben selbst ist.

ich finde mein brot vor lauter krümeln nicht

Das Ich ist eine unsichere Instanz. Eine ständig Beugung, eine Fährte, von der man verfolgt wird. Doch das Lebendige, es liegt darin herum, was kann man also schon tun? Die Zweifel bleiben. Das Ich ist Ausgangspunkt – man kann es jedoch nie verlassen.

wir […]

hängen tonnenschwer an den spinnfäden

Das Wir ist ebenso fragil wie das Ich. Doch im Gegensatz zum einen endlosen Raum dort, spielt sich hier etwas in zwei separaten Räumen und in einem Raum zugleich ab. Die Zerreißprobe eines Stücks, das selten aufgeführt werden kann und sehr oft geprobt wird.

Aber dieses Wir: es ist auch das Letztendliche, der Sturm, in dem man sich aufhalten will. Das Wichtige, einfach gesagt. Das, worum es sich zu kämpfen lohnt und vor dem ein Gedicht zwar immer machtlos scheint, doch im Spiegel dieser Machtlosigkeit erblickt man meistens nicht nur die Schwierigkeit, sondern auch ein Stück zurückgelegten Wegs, aufgefundener Nähe, Versuche von wahrem Leben in einer Welt voller falscher Fehden.

III

Nichts, das ist und alles, das scheint. Auch dies zwei Pole, zwischen denen sich Matthias Engels Lyrik bewegt. Der Zweifel, der über Zweifel steigt, und weitergeht, verhandelt und schaut und umkreist – ein häufiger Schemen, der durch die Zeilen scheint. Er ruft hinein und ruft hinaus. Ruft:

dass das hirn ein muskel ist dessen eigentlicher
sinn letztlich genauso vergessen sein kann

Doch was dieser Zweifel aufbereitet: man wird das Gefühl nicht los, dass es auch dazu dient einen kaum angesprochenen Gewinn, eine zarte Beseeltheit, die man irgendwo auffinden konnte, zu umkränzen mit diesen richtigen und wichtigen Einschränkungen, damit sie nicht ins Zentrum vordringen; damit beide, Gewinn und Zweifel, nebeneinander existieren können.

IV

Stimmungen. Von ihnen zu sprechen würde dieses Nachwort auf die Länge einer Abhandlung aufblähen, was ich vermeiden will. Doch sie gelingt Engels so oft so gut: Worin liegt mehr das Verwaschene eines Herbstages, wenn der Orbit nichts als grau ist, als in der kurzen Beschreibung:

panoramen regengeteert
und laubgefedert
gemäßigte wildnis

Wie könnte man das unsichere, müde Gefühl am frühen Morgen besser beschreiben als mit den Worten:

du bist in diesem moment
das langsamste tier im raum und
leichte beute für staub

Das Verblüffendste ist die Strecke, die Engels mit einer einzigen Kombination, mit wenigen Worten zurücklegen kann. Famos, wie er einen hineinschubst in das Unausgegorene der eigenen Empfindung und sie dann ausmalt mit seinen Worten, sodass man sie im Licht der Worte nicht mehr nur spüren, sondern auch sehen kann.

V

Das Dahinreden als poetischer Agent. Immer wieder schaltet es sich ein in den Duktus vieler Gedichte. Beiläufiges, Abfälliges, Resigniertes – nicht zu ändernden Vorgängen wird mit poetisch-sachlichen Illuminationen zu Leibe gerückt, die sich tarnen als das bloße Sprechen über den Gegenstand.

im morgenmagazin unwetterwarnung
und ratschläge für einen gelungenen start
in den tag nicht schlucken damit dich das
klack meines gaumens nicht weckt 

Es ist riskant daherzureden, selbst in Gedichten. Der Leser könnte so manches schnell für Staffage halten. Könnte sich eingeführt, aber nicht angesprochen fühlen. Doch Engels Gedichte schlagen mit diesem Nennen und Aufzählen keinen Bogen um eine Aussage – die einzelnen Gegenstände und Details sind wie Kerzen, die, eine nach der anderen angezündet, die Kontur der Atmosphäre erhellen, den Raum, in den das Gedicht den Leser versetzen will, bewohnbar macht.

VI

Soll ich noch explizit von Schönheit sprechen, nachdem vieles angesprochen wurde, das offensichtlich Schönheit enthält? Die großen Bögen habe ich hoffentlich abbilden können.

Ich ahne, dass es mir nicht gelingen wird, über die vielen verstreuten, glänzenden Gängigkeiten, Streif- und Schlaglichter zu schreiben, die in den einzelnen Gedichten aufzufinden sind. Sie, lieber Leser, werden Sie eh schon selbst gefunden haben, wenn sie hier am Ende dieses Bandes angekommen sind. Es werden vielleicht andere Sätze sein als die, die mir ins Auge fielen. Aber wir werden uns einig, da bin ich mir sicher: denn angefüllt sein kann jeder für sich, mit verschiedenen Bechern und Mengen verköstigt, aber eins ist sicher: der Wein ist gut!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

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