Guter Junge von Paul McVeigh, 2016, WagenbachGuter Junge.
Roman von Paul McVeigh (2016, Wagenbach
- Übertragung Hans-Christian Oeser und Nina Frey).
Besprechung von Monika Willer in der Westfalenpost, 7.11.2016:

Paul McVeigh liest in Olpe - „Guter Junge“
Mit „Guter Junge“ hat Paul McVeigh einen ebenso warmherzigen wie berührenden Roman geschrieben.

Es gibt Bücher, mit denen rechnet man nicht. Und dann entpuppen sie sich als die großen Überraschungserfolge. Dazu gehört „Guter Junge“ von Paul McVeigh. Mit diesem Roman legt der irische Theater- und Comedy-Autor ein literarisches Debüt vor, das begeistert gefeiert wird. Am Dienstag, 15. November, kommt Paul McVeigh zu einer Lesung nach Olpe.

Mickey ist anders. Gut in der Schule. Spricht gepflegt. Hilft Mama. Träumt sich lieber nach Amerika, als mit den anderen Rüpeln die Straße unsicher zu machen. Spielt noch mit den Mädchen. Die Nachbarskinder halten ihn deshalb für schwul, die schlimmste Beleidigung, die man in den klaustrophobischen katholischen Wohnvierteln im Belfast der frühen 80er Jahre jemandem nachrufen kann. „Die haben mich auf dem Kieker, weil ich’s nicht hier hab, sondern da“, weiß Mickey.

Papa versäuft das Geld

Der gute Junge hat einen Wunsch. Er möchte aufs Gymnasium. Die Zulassungsprüfung besteht er. Er ist der beste Schüler, den die Heilig-Kreuz-Grundschule je hervorgebracht hat. Doch Mama und Papa haben keine Mittel, ihn nach St. Malachy’s zu schicken, weil Papa das Geld versäuft, das Mama mit unermüdlichem Putzen, Kellnern und unzähligen anderen Jobs nach Hause bringt.

Paul McVeigh erzählt die Ereignisse dieses einen Sommers konsequent aus der Perspektive Mickeys. Für die erwachsenen Leser ergibt sich damit eine faszinierende Doppelperspektive, denn sie können die Erlebnisse des Jungen anders deuten, zum Beispiel, wenn er sagt: „Den Hof schrubbt Mama nur, wenn irgendwas ist. Muss wohl Papa sein, wie immer.“ McVeighs Sprache ist vordergründig schlicht, aber sie ist so schön und so berührend, dass die Sätze einen mitten ins Herz treffen.„Guter Junge“ ist ein Überlebensbericht aus einem belagerten, mit Straßensperren, Stacheldraht und Patrouillen abgeriegelten Niemandsland. Die Kinder dürfen nur bis zur nächsten Ecke, weil stets die Gefahr besteht, dass sie zwischen die Fronten der Randalierer und der Briten kommen. Wenn es das Fernsehen nicht gäbe, könnten sie sich nicht vorstellen, dass es jenseits des eigenen Viertels eine ganze Welt zu entdecken gibt, dass man Belfast tatsächlich verlassen kann.

Kleingeistiges Milieu

Die nordirischen Unruhen schildert Paul McVeigh ebenfalls aus der Perspektive des unschuldigen Zehn- oder Elfjährigen, der viel zu früh mit Gewalt in Berührung kommt. „Protestanten habe ich bisher nur im Fernsehen gesehen“, sagt Mickey. Der katholische Kosmos ist eng, kleingeistig und niederträchtig, Denunziationen sind an der Tagesordnung, und über allem liegt doppelte Angst: sich der IRA zu verweigern ist genauso gefährlich wie mitzumachen.

Doch diese Konflikte bilden nur die Hintergrundfolie eines Heranwachsens, das überschattet wird von einer familiären Situation, in der der arbeitsscheue alkoholkranke Vater sich immer wieder absetzt und dabei zuletzt sogar das sauer verdiente Geld der Mutter stiehlt. Und den Fernseher, jenes so wichtige Tor zur weiten Außenwelt. In diesem rohen Umfeld sucht sich Mickey mit erstaunlichem Einfallsreichtum seinen Weg, angetrieben vom Wunsch, die unerschütterlich mutige Mutter zu unterstützen. Am Ende kommt der gute Junge auf eine überraschende Lösung, die ebenso gewitzt ist wie das ganze Buch warmherzig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WESTFALENPOST]

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