Land unter ihnen.
Novelle von Alexander Peer (2017, Kyrene Verlag).
Besprechung von Ingeborg Waldinger, Wiener Zeitung, 30.06.2011:

In der Novelle "Land unter ihnen" entwirft Alexander Peer ein spannendes Psychogramm des Konquistadoren Hernán Cortés.

"Im Grunde lebte Cortés sein Leben lang begrenzt . . . Wohin er später auch kam - ob Salamanca, Sevilla oder Cuba -, die Orte waren nur unterschiedliche Zellen eines Gefängnisses, begrenzte Orte einer begrenzenden Welt." Der gebürtige Salzburger Alexander Peer betreibt die Engführung eines Entdeckerlebens, das von Dutzenden Biographen nachgezeichnet wurde: Hernán Cortés hatte mit der Eroberung Mexicos den Grundstein zum spanischen Kolonialreich gelegt.

Alexander Peer hat Cortés’ Lebenslauf eingehend studiert und daraus ein spannendes Psychogramm erstellt. "Land unter ihnen" lautet sein Titel. Der Autor hat sich für das Genre Novelle entschieden, also jene literarische Gattung, die Goethe über das "seltsame, unerhörte Ereignis" definierte. Und tatsächlich können Cortés’ Eroberungsfeldzüge in Mittelamerika als ein einziger, unerhörter Akt betrachtet werden, als ein Wendepunkt der Weltgeschichte: Der Kolonialismus war der erste Akt der "Globalisierung". In der Lesart Alexander Peers heißt dies: "Cortés’ Eroberungen wurden zu Jahreszeiten. Die Jahreszeiten fügten sich zu einer Ära zusammen, an deren Ende ein ausgemergelter Korps von verdrießlichen spanischen Soldaten und ein erbärmlicher Rest einer blühenden Kultur standen".

Die historische Wahrheit ist eben kein "Fundstück im Staub der Vergangenheit", verdeutlicht der Historiker Karl Vocelka in seinem Nachwort: Auch die Geschichtsschreibung biete nur eine "Narration der Vergangenheit" an, habe also klare Berührungspunkte mit der Literatur. Insbesondere die autobiographischen Entdecker-Texte des 16. Jahrhunderts würden heute als "Ego-Dokumente der Zeit" eingestuft. In hohem Maße subjektiv und von Eigeninteresse gefärbt sind auch die Briefberichte des Herrn Cortés an seinen König Carols I (Karl V.) über die Eroberung "Neuspaniens" oder die einschlägigen "Historien" von Zeitgenossen des Konquistadoren. Aber es sollte noch Jahrhunderte dauern, bis Spanien seine Siegerperspektive auf den Kolonialismus relativiert.

Alexander Peer erschließt den "anderen Blickwinkel" auf die spanische Expansion über eine Kunstfigur, den Soldaten Vasquez. Hier also der Parade-Kolonisator Cortés, Sohn aus niedrigem kastilischen Adel, getrieben vom Ehrgeiz, Standes- und Vaterkomplex; dort sein Gefolgsmann Vasquez, der Bauer aus den Pyrenäen, den die Propaganda vom "besseren Leben" in die Armee lockt.

Beide gehören zur Streitmacht des Diego Velásquez, der Kuba kolonisiert. Dort macht Cortés ein Vermögen - und wird zum Rivalen seines Gönners. Denn als der Goldreichtum Mittelamerikas ruchbar wird, überdehnt Cortés seinen Expeditionsauftrag, unterwirft eine Maya-Region nördlich von Yucatan und holt sich eine Maya-Sklavin als Geliebte und Dolmetscherin.

Vom Goldrausch getrieben, lässt er die eigenen Schiffe zerstören, um "jegliche Alternative zur Eroberung" auszuschalten. Rasch erkennt er die Schwächen des Aztekenreichs: viele Ethnien, viele Sprachen, schwache administrative Strukturen. Der Spanier investiert ein Vermögen, geht mit Vasallen-Völkern der Azteken wechselnde Allianzen gegen deren Unterdrücker ein, schlägt zahllose Schlachten.

Sein Sieg über Moctezuma, seine polygame Ehe mit dessen Tochter, seine Eroberung der mythenumwobenen Hauptstadt Tenochtitlan - all das enthält Peers Novelle. Dazu Cortés Reisen in die iberische Heimat, seinen Kampf gegen Intrigen und den Aufstieg in den Hochadel, die Teilnahme am Algerienfeldzug, die Rückkehr nach Mexico und den Vorstoß nach Kalifornien. Schließlich seinen Weg vom Größenwahn in den Wahn und in einen unheroischen Tod. Cortés’ hinterlassenes Vermögen nährt seine Multikulti-Kinderschar gut.

Bei all der Dichte an Fakten findet Peer genügend Raum, das Seelenleben des Eroberers auszumalen und sein Gepäck an Kindheitserinnerungen aufzuschnüren: Hernáns Vater ertränkte seine soziale Bedeutungslosigkeit im Alkohol, betrog seine Frau mit der Magd und sperrte den Sohn oft in den Weinkeller. Cortés’ Feldzug ist also auch eine Reise zu sich selbst. Doch schon ein aztekischer Jaguarritter hatte ihm prophezeit, dass er letztlich "an sich scheitern würde".

Alexander Peers Novelle schließt nicht mit dem Tod des Konquistadoren, sondern mit dessen positivem Kehrbild Vasquez. Der nimmt Abschied von der Armee, kehrt heim zu den Eltern. Gold hat er nur gesehen, nicht erworben. Da es weder heiz- noch essbar ist, hat es für ihn so wenig Wert wie seine Orden. Die verschenkt er an Kinder und erzählt ihnen vom fremden Land: "Die Kinder spielen daraufhin Erobern." Das nicht gelöste Rätsel um die mitgebrachten seltsamen Bohnen führt Vasquez zurück in ein hispanisiertes Mexico. Dort erfährt er vom Marktwert der Samen, was ihn nur in einem bestärkt: in seiner Sehnsucht nach einer "Welt ohne Geld".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Wiener Zeitung]

Leseprobe I Buchbestellung 1117 LYRIKwelt © Ingeborg Waldinger/Wiener Zeitung