Ilse Kibgis, Lesebuch (2017)Lesebuch.
Texte von lse Kibgis (2017,
Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 67, zusammengestellt und mit einem Nachwort von Karl-Heinz Gajewsky).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 18.07.2017:

Verse einer lesenden Arbeiterin
Ein Querschnitt durch das Lebenswerk der Lyrikerin Ilse Kibgis, herausgegeben von Karl-Heinz Gajewsky.

In ihren Gedichten, hat Ilse Kibgis einmal gesagt, habe sie sich getraut, das zu sagen, was sie sich „im Leben nie getraut“ habe. Aus Gelsenkirchen ist diese Ausnahme-Schriftstellerin und ungelernte Arbeiterin nie herausgekommen, und eines ihrer bekanntesten Gedichte war eine kritisch-realistische Liebeserklärung an die Städte des längst entkohlten Reviers aus dem Zwiespalt: „meine Stadt ist kein Knüller / in Reisekatalogen“, hob sie an, „aber sie ist der Kreis / der mich einschließt / die Mauer die mich schützt / das Leben dessen Pulsschlag / mich durchströmt / sie ist die schwarze Erde / die meine Tränen verschlingt / meinen Gedanken lauscht“.

Ein Schreibtisch blieb ein Traum

Als Ilse Kibgis Ende 2015 im Alter von 87 Jahren starb, war der Gelsenkirchener Literatur-Chronist und Liedermacher Karl-Heinz Gajewsky gerade dabei, einen aktuellen Gedicht- und Fotoband mit ihr zu machen. Statt dessen hat Gajewsky nun ein „Lesebuch“ mit einem gelungenen Querschnitt durch das lyrische Lebenswerk der Frau zusammengestellt, die sich erst im Alter von 48 traute, ihre Gedichte in der Literarischen Werkstatt der Volkshochschule Gelsenkirchen vorzustellen.

Von einem Schreibtisch hat Ilse Kibgis, die als Tochter eines Bergmanns und einer Hausfrau „antiautoritär“ aufwuchs, wie sie sich erinnerte, immer nur geträumt. Ihre Gedichte entstanden am Küchentisch. Im vollen Bewusstsein all der geraubten Lebens-Chancen: Als junge Frau wurde sie vom Nazi-Regime zur Kriegsproduktion gezwungen, nach der deutschen Kapitulation dann zum Wiederaufbau, sie heiratete einen Ofensetzer, bekam einen Sohn und schuftete stets als Aushilfe in der Mangel und am Fließband, als Verkäuferin, Serviererin, Putzfrau.

Mit zehn hatte sie begonnen, Bücher zu verschlingen, sie las Goethe, Schiller, Dostojewskij, Erich Kästner, Heine und später auch Ingeborg Bachmann. In ihren Gedichten bildet sich die Enge ihrer Welt ab, der Baum vorm Fenster bekommt eine Liebeserklärung, und wenn sie mit ironischer Melancholie ein Panorama der Industrielandschaft im Mai besingt, lautet der Abgesang: „Nur bei den Bergleuten / im Bauch der Erde / und bei den Arbeitern in den Fabriken / ist immer / November.“

In einfachen Bildern komplexe Verhältnisse auf den Punkt zu bringen, war die große Gabe der Ilse Kibgis, und dass sie auf Herzensbildung, einem wachen Geist und einem Volksschulabschluss fußte, macht die Bewunderung für ihre Verse nur größer. Sie konnte mit niemandem in ihrem Haus, in ihrem Stadtteil über ihre Texte reden; Josef Büscher, der einstige Chef der Volkshochschule, gehörte zu ihren wenigen Förderern – neben Karl-Heinz Gajewsky, der ihr mit dem „Lesebuch“ ein würdiges, höchst lesenswertes Denkmal gesetzt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0717 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung