Ostfriesenblut von Klaus-Peter Wolf, 2008, S. FischerOstfriesenblut.
Roman von Klaus-Peter Wolf (2008,
S. Fischer).
Besprechung von Harry Luck aus dem FOCUS, 23.9.2008:

Mörderisches Stalking auf Ostfriesisch
Morden in Norden: Das nette Städtchen an der Nordseeküste ist der Schauplatz eines rasanten Ostfriesenkrimis.

So funktioniert ein Regionalkrimi: Man sitzt in einer idyllischen Landschaft, idealerweise im Urlaub, liest ein spannendes Buch, und wenn man wollte, könnte man mit dem Fahrrad die Schauplätze der bluttriefenden und brutalen Handlung aufsuchen und den krassen Gegensatz zwischen Fiktion und Realität genießen. „Ostfriesenblut“ spielt, wie der Titel schon sagt, an der ostfriesischen Nordseeküste im beschaulichen Städtchen Norden.

Und schon mit dem ersten Satz seines Romans zieht Klaus-Peter Wolf den Leser in die Handlung hinein und lässt ihn nicht mehr los: „Ann Kathrin Klaasen war zu sehr in ihre Gedanken vertieft. Sie bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde, während sie auf ihrer Terrasse im Strandkorb saß.“ Damit beginnt ein Duell zwischen der Auricher Kriminalkommissarin und einem offensichtlich psychopathischen Killer. Der legt nicht nur eine Leiche vor dem Gartentür der Polizistin ab, sondern verwanzt ihr Haus mit versteckten Webcams und Mikrofonen – Stalking auf Ostfriesisch.

Die Tote ist eine alte Frau, die der Täter an einen Stuhl gefesselt kaltblütig verdursten ließ. Und sie bleibt nicht das einzige Opfer, das auf diese grausame Weise ums Leben kommt. Der Killer gibt Kommissarin Klaasen immer wieder mehr oder weniger versteckte Hinweise auf weitere Morde. Schließlich entführt er auch die neue Geliebte von Ann Kathrins Ex-Mann, und natürlich gerät zum furiosen Finale die tapfere Ermittlerin selbst in die Fänge des unberechenbaren Täters.

Sympathische Ermittlerin

Man merkt der temporeichen Story mit ständigen Szenenwechseln an, dass der Wahl-Ostfriese Klaus-Peter Wolf auch als Drehbuchautor („Tatort“, „Polizeiruf“) erfolgreich ist. Dies erklärt vielleicht auch, dass er mit den Gepflogenheiten des Genres bricht, den 315 Seiten langen Roman nicht in Kapitel unterteilt und bei der Erzählperspektive sprunghaft zwischen den Personen wechselt, um dann plötzlich den allwissenden und vorausblickenden Erzähler zu geben.

Doch darüber liest man ebenso gnädig hinweg wie über fragwürdige Sätze wie „Die Flut rann durch alle Zäune, ohne Kurtaxe zu bezahlen“ oder gelegentliche Dialoge, in denen die Kommissarin mit einer Waffe bedroht wird und den Täter belehrt: „Solche Fragen sind in unserem Rechtssystem unzulässig. Eine Strafe muss individuell zugedacht werden und die Persönlichkeit des Täters berücksichtigen.“

Auch das Motiv, warum der Mörder ausgerechnet Ann Kathrin Klaasen mit seinen Hinweisen behelligt, um schließlich von ihr überführt zu werden, könnte vielleicht plausibler sein. Trotz alldem ist „Ostfriesenblut“ (der Titel sagt übrigens ebenso wenig über den Inhalt aus wie der Klappentext) ein kurzweiliger Reißer mit einer liebenswerten Ermittlerin, von der man gerne mehr lesen möchte – nicht nur im ostfriesischen Strandkorb.

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