Rose&Nachtigall von Safiye Can, 2014, GrößenwahnRose & Nachtigall.
Liebesgedichte von Safiye Can (
2014, Größenwahn Verlag).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, März 2014:

Zitat: „Die Buchstaben, poetische Gegenstände/ hängen an einer Bleistiftspitze.“

Bevor ich mich in die Gedichte, ich denke, wie in einen Traum, vertiefte, die unter dem anspruchsvollen und beanspruchenden Titel „Rose & Nachtigall“ im Größenwahn Verlag in Frankfurt am Main erschienen sind, habe ich das wissende Vorwort von Gerhardt Gejka und das rund herum kundige Nachwort von Murat Tuncel gelesen, eine fruchtbare Hilfe für diejenigen, die die Gedichte dieser jungen Tscherkessin, die in Offenbach geboren wurde, aus der Geschichte, vom Aufbau, von Metrik und Metaphern verstehen möchten, obwohl sie im Nachhinein  feststellen mögen, dass es für diese beeindruckenden, mitreißenden Verse zwar praktisch,  aber möglicherweise nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

Wir lesen moderne, eigenständige, in persischer und türkischer Tradition verankerte, Liebesgedichte, die ihre ganz eigene unnachahmliche Sprache vor uns ausbreiten und,  dichterisch gekonnt, ausgeprägt zu formulieren verstehen.

Wenn man wie ich schon viele Gedichte in seinem Leben gelesen hat, finde ich nicht mehr häufig solche wie die hier Vorliegenden, für die ich mich emphatisch begeistern kann und deren Poesie auch den „ewigen“ Skeptiker in mir überzeugt.

In ihrem Gedichtband erzählt Safiye Can von Lebens- und Liebensdingen, von Liebesglück und Liebeskatastrophen und spürt mit genauem Blick auch der Liebe nach, die unmöglich zu sein scheint durch eigene Unfähigkeit, die sie zu erkennen glaubt: „Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen/ verwandelt sich zu Stein/ was ich berühre/ aus einem Stein wird keine Rose.“

Der ansprechende und schön ausgestattete Band ist in fünf Kapitel unterteilt, jedes für sich die Aspekte der Liebe beleuchtend, wobei eines, „Zu Menschen in anderer Sprache“ eine Liebeserklärung an die Stadt Frankfurt am Main beinhaltet, ein Langgedicht, in dem die Dichterin ihre Begegnung mit der Stadt und deren Menschen schildert, ein Kaleidoskop und eine kluge Charakterisierung, die auch die dort wohnenden Künstler nicht ausnimmt, mit milder Ironie vorgestellt, aber von der Dichterin durchaus ernst genommen: „Und wieder/ läuft ein Dichter in Richtung Oper/ heißt er Werner, heißt er Söllner?/ Ein Potpourri aus Strophen/ quillt aus dem Asphalt.“

Liest man dieses wie auch die anderen Gedichte der Dichterin laut, erkennt man einen melodiösen und eigenwilligen Klang, der dem Geschriebenen als Vehikel dient, um Aus- sagen und Botschaften zu transportieren und bekräftigend zu untermalen, einen Sound, ein Markenzeichen, das, wie ich meine, diese Verse originär und unverwechselbar macht. Aber auch durch die Wahl der Metaphern, die zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Überlieferungen und frischen Ideen angesiedelt sind, entsteht der Eindruck, etwas so noch nie gelesen zu haben, das Thema Liebe, alt wie die Menschheit, in neue, unerwartete Sprachbilder gekleidet, die im Gedächtnis haften bleiben, weil man sie einfach nicht vergessen kann.

„Der Schatten einer schwarzbraunen/ Katze springt auf den Esstisch/ wirft die Flasche um, aus der Flasche/ empor fliegt weinrot ein Schmetterling/ aus Trauer, lässt er einen Flügel fallen/ meine Einsamkeit…“

Safiye schreibt von der Liebe stürmisch, nachdenklich, traurig, himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, wie man sagt, vom Verliebt sein, von „der Metaebene“, vom Verlassen werden und Vermissen: „ich halte fest an dir/ deine Hände wärmen/ die einer anderen.“

Oder: „Ich fühle mich nicht gut heute/ und dich gab es nie.“

Nachhaltig beschreibt sie das Für und Wider, die Zweifel, den Versuch, das Gegensätzliche zu einem Ganzen werden zu lassen, Spannungsbögen: „Hier muss ein Aufruf sein, ein  Angebot/ im Sekundenschritt des Pulses/ werde nicht lebendig, stirb nicht/ addiere mich In deine Stunden/ subtrahiere mich.“

Besonders eindrucksvoll geschieht das für mich im Kapitel „Nachtigall und Rose“, wo sie das Handwerk der persisch/türkischen Tradition aufnimmt, z. B. Versmaß und Doppelverse, und diese fortschreibt auf ihre ganz eigene Art und Weise: „Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen/ ändere ich die Anordnung von Klaviertasten/ und setze sie neu zusammen.“

Es ist aber auch immer wieder faszinierend, sich auf Sprachbilder wie das folgende  einzulassen: „Man kann sich in einem Kilim/ einrollen, in einem Glas Eiskaffee ertrinken/ Einer Pusteblume um den Hals fallen/ und losschluchzen.“

„Wie viel anders soll eine Dichterin sein/ wenn sie Dichterin ist“, fragt sich die Dichterin

Safiye Can. Kein bisschen anders möchte ich meinen, wenn ich ihre Verse lese: „In meinem Herzen das Herz einer Nachtigall/ an jeder Straßenecke besingt ein Saxophon/ die zähe Naivität meiner Seele.“

Das Debütwerk der Dichterin ist schon ein großes und man darf auf weitere Bücher aus ihrer Feder gespannt sein, ganz im Sinne ihres Gedichtes „Ewiger Prozess“, in dem es heißt: Wer/ Kläger ist/ wer Angeklagter/ ist nicht immer gewiss/ ich habe mit der Poesie/ einen endlosen Prozess.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0314 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Michael Starcke