Schwimmzüge von Horst W. Nägele, 2009, Turnshare1.) - 2.)

Schwimmzüge.
Prosa von Horst W. Nägele (2009, Verlag Turnshare).
Besprechung von Susan Müller in
LIBRITHEK, November 2009:

Offen und schöpferisch

Ein schmales Buch, das mit Wucht von unfasslicher existenzieller Not erzählt: In verzweifelten Schwimmzügen erlebt die Hauptfigur Frieder die Gewalt des Atlantiks, wenn die Ebbe einsetzt. Doch die Flut kommt, sie kehrt zurück, weil sie immer zurückgelehrt ist, und das ist der erste Hoffnungsschimmer, ein berechtigter. Der Protagonist findet sich auf dem warmen Sandstrand wieder, ja, es ist gut geworden. Doch das Erlebte wirft ihn in die Vergangenheit zurück. Was er verloren im Meer erlebt hat, steht symbolisch für das, was ihm in dieser Welt widerfahren ist. Es durchzucken ihn nochmal all die Urängste, die er mit sich trägt seit der Kriegszeit, die er als Kind erleben musste. Er ist wieder der zehnjährige Junge in einer Bombennacht 1944. Es brummt von Fliegern, es schlagen Bomben ein.

Der Autor, Horst W. Nägele, ist Jahrgang 1934. Er gehört damit der Generation an, die als Kinder Nazideutschland erleben mussten, von fanatisierten Erwachsenen um ihre Kindheit gebracht worden sind und dann in eine Nachkriegszeit gerieten, in der materiell alles gut, aber von ihren Traumatisierungen keiner etwas hören wollte. Erinnerung - nein. Aber für die einzelnen Menschen blieb sie doch. "Schwimmzüge" ist ein Buch, das beweist, dass eine Vergangenheit, auch wenn sie nicht erwünscht ist, sich ihren Platz greift. An lebensbedrohlichen Situationen wird ein Leben lang gelitten. Sie verlassen einen nie.

Nägele hat für dieses Prosabändchen eine sehr lyrisch anmutende Form gewählt. Darin spiegelt sich auch seine Vielseitigkeit wider: Nägele verfasst sowohl Lyrik als auch Romane (zuletzt "Lebenslanges Suchen" über das Leben einer Frau zwischen Europa und Afrika zur Kolonialzeit) sowie Sachbücher zu Meditation und ist - das erklärt das wohltuende strukturierende Moment in "Schwimmzüge"- Wissenschaftler. Er lebt seit Jahrzehnten in Dänemark und ist dort als Skandinavist tätig. Diese Distanz zu Deutschland ist es wohl, die einen kritischeren Blick erlaubt, als seine Generation ihn sich sonst zutraut. Nägeles Sprache ist offen und schöpferisch, was auch daran liegen mag, dass er sich perfekt in zwei Literaturen bewegt; er schreibt auch auf dänisch und hat seinen Platz in der Literaturlandschaft Dänemarks. Ohne das Engagement des Autors zu kennen, ohne zu wissen, dass er sich auch als Essayist sachlich, aber mit Verve für seine Themen in die Bresche wirft, erschließt sich die Hintergründigkeit von "Schwimmzüge" nicht.

Ein erläuterndes Nachwort hätte man dem Buch gewünscht. Doch dessen Fehlen hat den Vorteil, dass jeder Leser aufmerksam mitdenken muss. Allein die Zeitdarstellung, auf die Nägele viel Wert legt und die anfangs gewöhnungsbedürftig scheint. Einmal, zweimal, dreimal, viermal schlägt es, und auf der anderen Seite zehnmal. Ich neige dazu, dies als die Uhrzeit um 10 anzusehen. Die Deutung bleibt dem einzelnen Leser überlassen. "Schwimmzüge" ist ein gutes Buch, das man nicht in Häppchen erlesen kann. Es muss als Ganzes aufgenommen werden und eignet sich wirklich nicht als Entspannungslektüre.

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Leseprobe I Buchbestellung 1209 LYRIKwelt © S.M./LIBRITHEK

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Schwimmzüge von Horst W. Nägele, 2009, Turnshare2.)

Schwimmzüge.
Prosa von Horst W. Nägele (2009, Verlag Turnshare).
Besprechung von jps in der
Eßlinger Zeitung, 2.2.2010:

Geschichten aus der Vergangenheit
Horst W. Nägele verarbeitet im Buch „Schwimmzüge“ seine Kindheitserinnerungen

(jps) - In seinem Buch „Schwimmzüge“ verarbeitet der in Luginsland aufgewachsene Horst W. Nägele seine Kindheitserinnerungen aus der Zeit der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der seit Jahrzehnten auf der dänischen Insel Fünen lebende Autor fühlt sich seiner schwäbischen Heimat bis heute sehr verbunden.

Frieder, ein Rucksackreisender Anfang dreißig, ringt vor der Atlantikküste mit dem gewaltigen Sog des Ebbstroms. Zurück an den Strand gespült, hört er die volle Stunde schlagen und nach dem Sog des Wassers zerrt nun ein Sog der Erinnerungen an ihm. Unvermittelt sieht er sich zurückversetzt in das Jahr 1944, als zehnjähriger Junge flüchtend vor den Angriffen der alliierten Bomber über Stuttgart.

„Schwimmzüge“ heißt das Buch von Horst W. Nägele, der mit der Geschichte Frieders auch die eigene Vergangenheit aufarbeitet. Seine Kindheit, die geprägt ist von den wiederkehrenden Fliegerangriffen, den Bomben auf das Daimler-Werk, der Angst und der Ohnmacht angesichts der lebensbedrohlichen Situation. Was für beide bleibt, ist die Flucht aus Luginsland, Anfang März, nur zwei Tage nach einem verheerenden Angriff der Alliierten mit über 500 Bombern : „Nur weg von hier - weit weg! Zu Fuß mit den anderen zusammen die acht Kilometer bis nach Obertürkheim, von wo noch ein Vorortszug nach Esslingen ging - und dort gleich in einen Zug Richtung Tübingen!“ Doch er kehrt zurück, nach Hause zur Mutter, die zu ihm sagt: „Wenn wir schon sterben, dann wenigstens zusammen.“ Nägele erzählt von den Plünderungen, den Entbehrungen der Nachkriegszeit, von der langsamen Rückkehr in die vermeintliche Normalität und davon, dass einen das Erlebte nie ganz loslässt. Es sind Eindrücke, die bis heute haften geblieben sind.

Geboren 1934 studiert Nägele, der in Untertürkheim sein Abitur gemacht hat, Anfang der 60er-Jahre Germanistik, Skandinavistik, Anglistik und Philosophie an den Universitäten in Kiel und Newcastle upon Tyne. Es folgt ein Auslandssemester im dänischen Aarhus, wo er sich intensiver mit der dänischen Literatur beschäftigt, besonders der Schriftsteller Jens Baggesen hat es ihm angetan. Und das Land selbst. Der Schwabe bleibt, wird sesshaft auf der Insel Fünen, unterrichtet an der Hochschule Sprachen, widmet sich seinen literarischen Forschungen. In den 80ern dann beginnt er selbst ein Buch zu schreiben, auf Dänisch. „Mehr aus Jux“, wie er sagt, doch ein Verlag veröffentlicht das Erstlingswerk. Aus der Erkenntnis, dass sein Schreiben im Dänischen zu limitiert ist, folgt 1990 mit „Anflüge“ der erste deutschsprachige Roman. „Wenn ich schon schreibe, dann will ich es ganz genau machen.“

Die Heimat seiner Erinnerungen hat er immer wieder besucht, letztes Jahr erst mit seiner Frau. Er staunt jedes Mal, was sich alles verändert hat im Laufe der Jahrzehnte. Ob es weitergeht mit der „fortlaufenden Geschichte“, weiß Nägele nicht. Der kommerzielle Erfolg ist seine Sache nicht: „Ich habe es geschrieben, weil ich es schreiben wollte.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Eßlinger Zeitung]

Leseprobe I Buchbestellung 0711 LYRIKwelt © Mit freundlicher Genehmigung der Eßlinger Zeitung