Spiel der Zeit.
Roman von Ulla Hahn (2014, DVA).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 29.09.2014:

Wie Ulla Hahn als Arbeiterkind zu den '68ern kam
Ulla Hahn hat ihren autobiografischen Roman fortgesetzt, der 2002 mit dem Bestseller „Das verborgene Wort“ begann, mit dem ebenfalls gut verkauften „Aufbruch“ 2009 fortgesetzt wurde. Teil drei „Spiel der Zeit“ umkreist die Studienjahre der Schriftstellerin in Köln bis zum Jahr 1968.

Bis 2002 hatte Ulla Hahn als Lyrikerin mit dosiertem Wortspielwitz unter Freunden verständlicher Verse Aufsehen erregt. Doch dann legte sie ihren autobiografischen Roman „Das verborgene Wort“ über ihre Kindheit im rheinischen Monheim vor – und es wurde ein fulminanter Bestseller, längst verfilmt.

Es war die Geschichte des (bildungs-) armen Arbeiterkindes, das sich in seiner Liebe zum Wort wundscheuert an den engen Verhältnissen, sich herauswindet, herausstolpert, ohne zu verleugnen, dass ihr dieses hassgeliebte Zuhause bei aller Ruppigkeit und Bildungsverachtung auch Weltwärme und Sicherheit gab. Authentische Bilder aus den 50er-Jahren, belebt vom Dialekt und dem unbeugsamen Willen der Heldin.

Hilla in den Vorbeben der '68erNun liegt mit „Spiel der Zeit“ schon die zweite Fortsetzung dieses Romanwerks vor. Aus der kleinen Hildegard Palm ist eine Studentin im ersten Semester geworden, geprägt von einer Vergewaltigung, die das dunkle Herz des zweiten Bandes „Aufbruch“ (2009) war. Hilla, wie sie sich jetzt nennt, gerät gleich im ersten Semester an der Kölner Universität in die Vorbeben der ‘68er-Zeit.Beherzt hilft sie einer Mitstudentin bei einer Abtreibung, verliebt sich in einen Burschen aus nobler Familie, demonstriert gegen Notstandsgesetze und Preiserhöhungen für Bus- und Bahn, geht all die Irrwege von der Mao-Bibel bis zur „Aufklärung“ der so gar nicht proletarischen Ford-Arbeiter. Was mit der Literatur, mit der Sprache in all diesem K(r)ampf passiert, macht Hilla Palm genauso Sorgen wie die noch junge Demokratie.

Bei dem Erzähltempo könnten es ein Duzend Bände werden

Das alles kommt anekdotisch und detailverliebt daher, die ‘68er werden sich wiedererkennen. Doch eine Spannung zwischen Sehnsuchtswelt und Wirklichkeit, wie sie den ersten Band beherrschte, kommt hier nicht mehr auf, dazu sind die Vorstellungen der Studenten, von heute aus gesehen, allzu überspannt.

Der Band endet im Jahr ‘68, und wenn es bei diesem Erzähltempo bleibt, könnte diese Roman-Autobiografie gut und gern auf ein Dutzend Bände anwachsen.

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