Stadtauswärts von Christian Teissl, 2016, BergerStadtauswärts.
Gedichte von Christian Teissl (2016, Verlag Berger).
Besprechung von Helmut Schönauer , 11.10.2016:

Stadtauswärts
Es gibt vage Richtungsangaben, die von vorne herein hell und optimistisch wirken wie „stadtauswärts“. Dazu stellt man sich das Tagwerk vor, das man gerade erledigt hat, und jetzt geht es hinaus ins Freie, heim aufs Land, oder einfach stadtauswärts.

Christian Teissl gibt seinen Gedichten lockere Oberbegriffe, mit denen er ihnen einen geordneten Drall verpasst, „Jahrauf jahrab“, „Fundstücke“ und „Abschiede“ sind so etwas wie die Dreifaltigkeit der Melancholie.

Dieser permanente Kreislauf jahraus jahrein bekommt eine Zusätzliche Erschwernis, indem die Protagonisten oft Sisyphus-ähnlich die Jahre auf und ab rennen müssen wie der berühmte Hamster, der sein Rad mit einer Treppe vertauscht hat. Oft sind es Siebzehnsilber, die als versteckte Haikus die atemlose Tätigkeit beim Abarbeiten der Jahre beschreiben. Das aktuelle Jahr geht nur mühsam voran, schlaflose Stunden im Frühlingsgewitter, der Frühling scheint überhaupt verloren, es ist schon Juni, ehe es mit der Bahn hinausgeht ins Freie. „Am Zugfenster sitzend / setze ich meinen Augen kein Ziel - “ (13)

Und dann schwillt schon der Ton der Herbstklage an bis ganz hinaus in die Peripherie. „Vor dem Fenster flackert ein letzter Baum“, ehe es in großen Winterschritten dem Jahresende entgegengeht. „In einer Dezembernacht / gehe ich durch ein Stiegenhaus / wie durch das Innere eines Gebirges.“ (28)

Unter der Lampe der Lyrik wird alles zu Fundstücken, wenn es nur kurz angestrahlt wird wie ferne Schätze aus dem Stollensystem der Kindheit. Schulschluss und Ende der Kindheit sind durch einen zerknitterten Abspann gekennzeichnet, oft sind es Fragmente, deren Herkunft ungewiss ist, einmal wird ein Stück Traum als unvollendet bei Tageslicht rekonstruiert. Aber selbst der Bettler mit seiner hohlen Hand wird zu einem Fundstück, auf das die unruhige Seele gestoßen ist. Von einem Liebespaar bleibt nur die Jahreszahl 1912, jemand erschrickt über eine Stunde im Abseits, die er anzutreten hat, eine Wortwerkstätte ist mitten im Gedicht verlassen worden und verwaist.

Und dann gilt es Abschied zu nehmen immer wieder, alles, was man sich von Kindheit an eingetan hat, muss ins Lebewohl überführt werden. Schwindende Spuren, Mutmaßungen über eine Verschwundene, Brief ohne Antwort, und plötzlich werden diese Spuren ganz konkret und unsterblich. Die Verabschiedungen gelten den verstorbenen Dichtern des Jahres, eine letzte Begegnung mit Fabjan Hafner ist angesprochen, die letzten literarischen Rituale des Helmut Schranz kommen noch kurz zum Vorschein, ehe sie verglühen vor dem selbstgedrehten Antlitz.

Christian Teissl bleibt lange an seinen Themen dran, geduldig hämmert er die Zeilen aus der Zeit, seine Hammerschläge zeigen stadtauswärts, da muss der Weg ins Freie gehauen werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

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