Standby von Daniel Wisser, 2011, Klever Verlag1.) - 2.)

Standby.
Prosa von Daniel Wisser (2011, Klever Verlag).
Besprechung von Kathrin Kuna in DUM - Das alternative Magazin:

STANDBY
Daniel Wisser hat seinen Roman im Juni in Klagenfurt der Bachmann-Jury vorgestellt. Man hat erstaunlich positiv auf die Passiv-Konstruktion reagiert, die schriftliche Form, die diesen Text beherrscht wie emotionale Unfreiheit und Angstneurosen den Protagonist, aus dessen Sicht das Geschehen erzählt wird:

"Es wird sein Gutes haben und selbst die einfachsten Menschen werden wieder nach gesunden Grundsätzen leben, von denen einer der wichtigste ist: der Wille zu sterben. Er hatte ihn schon als Kind und er hat hatte Freude an der Vorstellung des eigenen Todes wie auch des Todes anderer. Ein Sprengstoffanschlag, tausende Glassplitter, Körperteile und Blutlachen auf dem Gehsteig, eine Katastrophe, eine Flutwelle, ein atomarer Super-GAU, etwas Außergewöhnliches wäre auch heute besser, als jeden Samstag den Vater im Heim zu besuchen und das ewige, sinnlose Vor-sich-hin-Leben aus der Nähe betrachten zu müssen. Der Sonntag wird herbeigesehnt."

Es gibt Texte, die man schnell lesen kann. Die meisten Texte der Gegenwartsliteratur können schnell gelesen werden. Die Sätze sind kurz und prägnant, leicht verständlich, schnell verdaulich. Simpel kann schön sein, es kann treffsicher sein und auch mit wenig eine bestimme Ästhetik erzeugt werden. Dann gibt es Texte, die sehr kompliziert formuliert sind, mathematischen Formeln ähnlich werden Satzgebilde über mehrere Zeilen oder sogar Seiten gebaut und gewunden, manchmal so kunstvoll, dass der Inhalt dabei völlig vergessen wird.

Die Form schafft Stimmung

Im Fall von "Standby" trifft ein thematisch sehr schweres, bedrückendes Thema auf die sprachliche Entsprechung. Von der ersten Seite weg schafft der Text - nein, es wird nicht im Roman eine Stimmung entworfen, durch die Form schafft der Text selbst eine Stimmung. Diese mag von Leser zu Leser unterschiedlich wahrgenommen werden, doch wohl kaum jemand wird sich der Wucht und der Kraft dieser Zeilen vollends entziehen können. Vielleicht legen manche Leser das Buch schnell weg, weil es ihnen zu viel oder zu anstrengend ist. Vielleicht merken manche Leser die Wucht auch erst nach den ersten 30 Seiten. Untergangszenarien wurden schon in den letzten Jahrhunderten entworfen, aber medial ausgeschöpft wie im Moment wurden sie noch nie. Egal, ob Lars van Trier die Erde schon fast kitschig schön mit dem Planeten Melancholia zusammenprallen und explodieren lässt oder bei Roland Emmerich actionreich Maya-Prophezeiungen auf die Spezialeffekte Hollywoods treffen, wir haben uns daran gewöhnt das Ende der Zeit täglich erzählt zu bekommen. Im Kino, im Fernsehen, in den Nachrichten, in der Zeitung und auch in Romanen. In der Literatur steht zumeist allerdings der Zusammenbruch einer oder weniger Personen im Mittelpunkt. Daniel Wisser zeichnet in seinem Roman ein zeitgenössisches Bild der Gesellschaft durch die Darstellung eines Einzelnen. Wie der strenge Beobachter und Analyst Franz Schuh festgestellt hat, handelt es sich um ein Massenschicksal, das in "Standby" in eine außerordentliche, literarische Form gepackt wird. Die Seiten sind durchdrungen von der Angst vor dem Leben und dem daraus resultierenden Unwillen für dasselbe Verantwortung zu übernehmen:

"Er könnte husten oder Tee zubereiten oder so lange in der Schachtel mit den Medikamenten kramen, bis er tatsächlich krank wäre. Der Geruchssinn ist durch die Reizung der Nasenschleimhäute völlig ausgeschaltet. Wäre auch ein Brennen im Hals zu spüren, eine Schwere in den Gliedern, Schmerzen in den Gelenken, dann könnte tatsächlich von einer Erkrankung gesprochen werden. Dann könnte der Frau und dem Vater im Heim mitgeteilt werden, dass er krank sei und heute nicht gewohnheitsmäßig funktioniere."

"Herunterfahren" der Gefühle

Während wir mit rasend schnellen Veränderungen, v. a. aber auch der Informationsflut dazu und der Aufforderung zur ständigen Bereitschaft mitzumachen mittlerweile gänzlich überfordert sind, setzt eine Art Selbstschutz ein. Ein Abstumpfen und "Herunterfahren" der Gefühle und Sinne scheint die Reaktion auf den Überfluss der Reize in der Welt draußen zu sein. Dies ist eine gesellschaftliche Krankheit, ein System und als solches zu verstehen. Man kann dagegen keinen Tee kochen und man kann sich nicht fortstehlen. Man muss das Brennen im Hals und das Würgen nicht erträglich machen, sondern ertragen.

Seit der Lektüre von Elias Canettis "Blendung" hat ein Text nicht mehr gleichzeitig so viel Betroffenheit und Beklemmung in mir hervorgerufen. Nicht nur das Gefängnis der eigenen Neurosen und Ängste, v. a. das Forcieren derselben durch Medien, Gesellschaft und nicht zuletzt einen selbst hat Daniel Wisser hervorragend auf den Punkt gebracht und konsequent in einer über 198 Seiten reichenden Erzählung ausformuliert.

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Standby von Daniel Wisser, 2011, Klever Verlag2.)

Standby.
Prosa von Daniel Wisser (2011, Klever Verlag).
Besprechung von Alexander Kluy in Der Standard, Wien vom 18.5.2012:

Die Welt - eine Fehlermeldung
Daniel Wissers Niedriglebensenergie-Roman "Standby" ist ein Porträt zeitgenössischer digitaler Arbeitswelten

Literatur der Arbeitswelt. Dieser Begriff dürfte nicht einmal hochspezialisierten Germanisten der mittleren Generation heute noch etwas sagen. Dabei gab es einst, im deutschen Ruhrgebiet, als es sich dabei noch um eine schwerindustrielle Beschäftigungszone handelte, die Gruppe 61 um den Grubenlokführer und Autor Max von der Grün, den Gewerkschafter Walter Küpping und den Bibliotheksdirektor Fritz Hüser.

Wer aber kennt heute noch Bücher von der Grüns (außer seinem jüngst völlig unpolitisch zweitverfilmten Jugendbuch Die Vorstadtkrokodile?); und welcher Verlag beugt sich in seinem literarischen Programm über die greifbaren Probleme der Arbeitswelt aus der Sicht der Betroffenen, Beschädigten, Enteigneten hierzulande? Und welcher Wissenschafter mit gutbürgerlichem Hintergrund hat jemals die Bände Ein Baukran stürzt um, Ihr aber tragt das Risiko und Realistisch schreiben in die Hand genommen (und gelesen), die der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt ab 1970 edierte?

Vielleicht beruht das schöngeis tige und ideologische Desinteresse darauf, dass diese Rapporte ein analoges, immobiles, politisch größtenteils untergegangenes Atlantis schlicht-übersichtlicher Antagonismen schildern, und kaum mehr etwas zu tun haben mit den komplex fluiden, allumfassend erreichbaren digitalen neuen Lebenswelten, in denen die Arbeit zum Job mutiert ist, globale Geschehnisse in Echtzeit zu verfolgen sind, alles gleichzeitig "kommuniziert" wird, und Wissen, Sinnsuche und Erfüllung als Accessoires App-Gestalt angenommen haben.

Billigjob und Billigleben

Was sonst als wohl ein Callcenter ist der prototypische Billigjob- und Billiglebenort unserer Zeit: eine minderwertig bezahlte Tätigkeit auf Zeit, auf Akkord kalkuliert, als anonymer Servicedienstleister, der die Arbeit der Welt elemente erneuert und, bis zum nächsten Stillstand, zum geschmeidigen Funktionieren bringt. In ein Callcenter führt der ungewöhnliche, ambitionierte Roman Daniel Wissers. Der 1971 geborene, in Wien lebende Klagenfurter, der 2003 mit Dopplergasse acht einen "Roman in 45 Strophen" vorlegte und Mitgründer und Mitstreiter des Ersten Wiener Heimorgel orchesters ist, einer herz- und ohrerfrischenden Lo-Fi-Combo, hat mit Standby nicht Lo-Fi-Prosa geschrieben, sondern einen soziologische Forschung ersetzenden Roman jenseits der Soziologie. Darin ist all das zum apathischen Stillstand gekommen, was nicht mit bezahlter Lohnarbeit, mit neurotischer Übersichtlichkeit und Fremdvorgabeplanken zu tun hat.

Der namenlose, sich emotional abhandengekommene Protagonist hat nicht nur nichts Heldisches an sich, seine einzige "heroische" Tat besteht im Überstehen und vegetativen Verschlafen des quälend arbeitsfreien Wochenendes. Er hat keine Hobbys, keine Freunde, keine Freude, dafür Magen- und Kopfschmerzen sowie eine Frau, die von ihm nur als "die Frau" bezeichnet wird und die abends habituell vor dem laufenden TV- Gerät einschläft und dort für die Nacht liegen bleibt. Der soziale Umgang ist heruntergefahren, lästig und für den Protagonisten, literarisch an die antriebslosen Antihelden des Parisers Emma nuel Bove erinnernd, undurchdringlich, unerklärlich. Die Welt - eine Fehlermeldung.

Im Job hingegen, auch wenn er dem Außen so lächerlich erscheint wie die Stellung als Teamleiter einer Callcenter-Abteilung mit viel Fluktuation und wenig Qualifikationshürden, herrscht Ordnung. Hierarchische Vorschriften sind zu befolgen. Beschäftigung füllt die rätsellose Zeit. Etwaige geheime amouröse Anwandlungen infolge gemeinsam absolvierter Mittagessen erledigen sich - die Ehe ist ohnehin seit längerem gänzlich zuwendungsfrei. Es gibt kein emotionales Gefüge mehr innerhalb des abgestandenen Lebensflussmonologs des Namenlosen.

Ist es ein Zufall, dass Samuel Beckett 1953 The Unnamable, Der Namenlose, veröffentlichte, seinen dritten romanlosen Roman, in welchem die Hauptfigur monologisiert, mit verbalen Oszillationen ins Hysterische, mal ins Tiefsinnige? Doch die Reduktion, die Beckett bis zum Grund der Sprache führt, zum Schweigen und Verstummen, ist bei Wisser zur arbeitsmonomanen Endlosschleife geworden, im hochkünstlichen Passiv. Es gibt in diesem Buch kaum einen Satz, der nicht in dieser umständlichen objektdistanzierten und subjektdistanzierenden Aussageform gesagt wird.

Wie kommt aber der Wiener Essayist Franz Schuh, dessen wertschätzendes Lob auf dem Schutzumschlag abgedruckt ist, angesichts dieses kunstvoll kaltvergruselten Niedriglebensenergieromans auf modische Symptome wie Burnout? Müsste vor dem Ausgebranntsein Wissers Protagonist zuvor nicht entflammt gewesen sein, voller Leben, Gefühle, Sehnsüchte? So wie das Buch nach 200 Seiten logisch abbricht mit dem Ende des absolvierten Wochenendes, so könnten nahtlos weitere 200 Seiten folgen mit dem nächsten ereignisfreien Wochenende. Alltag: eine Endlosschleife. Ziellos. Leblos. Im Standby-Modus.

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