streumen von Ulrike Almut Sandig, 2007, Connewitzer1.) - 2.)

streumen
Gedichte von Ulrike Almut Sandig (2007,
Connewitzer Verlagsbuchhandlung).
Besprechung von Crauss aus dem titel-magazin, 23.12.2007:

Datierte Gefühle
Lieder und Gedichte von Marlen Pelny und Ulrike Almut Sandig

Marlen Pelny versteht etwas vom Handwerk. Die 26-jährige Autorin hat 2006 einen hübschen ersten Gedichtband in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung vorgelegt. (Die „Connewitzer“ macht überhaupt feine Bücher, schlichte, liebevolle Broschuren, die trotz günstiger Preise immer noch zu selten gekauft werden.) Viele der herzigen Poeme des Bandes „Auftakt“ tauchen gesprochen und gesungen als Elemente der Projekt-CD „der tag, an dem alma kamillen kaufte“ wieder auf. Das Liederbuch hat die Poetin gemeinsam mit Ulrike Almut Sandig, einer DLL-Schülerin, eingespielt. Beides, Buch wie CD, geben uns tatsächlich so etwas wie Kamillenblütentexte in die Hand: unaufgeregt und unaufregend im Stil wie leider Vieles, das (teilweise als regelrechte Masche) aus dem Umfeld der Leipziger Schreibschule nach außen dringt. Der Pelny/Sandig’sche Stimm-Sud ist beruhigend im Ton, manchmal aber auch ziemlich einschläfernd, insbesondere in der Textfassung. „was da kocht, ist nur wasser und altes/ papier“, schreibt Sandig ins Booklet – ein im besten Sinne einfaches Gedicht aus Sandigs Band „Streumen“.

Lyrik, die popt

Ich habe „der tag, an dem alma kamillen kaufte“ dennoch gern gehört, vor allem, weil mir die Kombination Gedicht-Gitarre geglückt scheint, Spezial- und Echoeffekte gezielt und unaufdringlich gebraucht werden und auch weil die Texte hier und dort mitsingbar sind, als Pop konsumier- und genießbar. Das Prinzip ist ähnlich dem, wie es Carl Christian Elze auf „greenbox“ praktiziert. An dessen Intensität kommt „alma“ jedoch bei Weitem nicht heran. Das liegt zum großen Teil am Baukastensystem, nach dem die Lieder/Gedichte zusammengesteckt sind. Einzelne Bilder verbinden sich nicht und bleiben dadurch zu häufig wortspielerische Geheimniskrämerei. Es entsteht ein „datiertes Gefühl“, aber kaum Bedeutung über den Vers hinweg.
Marlen Pelny vermag mit Straßenliteraturprojekten und der eigenen Band „sonntags“ ja durchaus Leben in die Bude bzw. ins Städtchen zu bringen, aber einigen ihrer Gedichte hätte ein schärferes Streichen gut getan: „manchmal am morgen höre ich dein geräusch / du bist in der küche und fütterst die katze / dann stöhnst du dabei / als wär es so schwer, (noch) den hund zu verjagen / den du viel mehr liebst...“ Abgesehen davon, dass man sich (hier wie in einigen der Gedichte) über die Richtigkeit oder im Gegenteil die Angemessenheit des Konjunktivs streiten kann, abgesehen auch davon, ob nicht eher ein allgemeines Geräusch oder tatsächlich „das“ (bestimmte, und wenn ja, welches genau) gemeint war, was haben am Ende zwei nichts Wesentliches hinzufügende Strophen in einer Frühstücks- und Bett-Szene zu suchen, „flugzeuge und rettungsschwimmer / (in meiner herzhälfte zwei)“, die „heute auf deinen tangopuls“ treffen?

Kunst des Nichts = nichtige Kunst?

Ulrike Almut Sandig, deren Lyrik beim literarischen März 2007 preisverdächtiger war als alles ihrer Konkurrentinnen, wurde in Darmstadt ein bisschen zu Unrecht links liegen gelassen. „Es fehlt uns an Stoffen,“ las die Autorin und Jan Koneffke kommentierte: „Wunderschön anzuhören, wunderschön zu lesen, aber die Gedichte handeln von nichts.“ Kurt Drawert meinte: „Die Gedichte handeln von allem,“ und Sybille Cramer beschwerte sich: „Es ist ein Leerlauf, den die Autorin nicht begründet. Das ist eine Poesie des Ungefähren.“
Ja, ganz genau. Der in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung gerade eben erschienene zweite Gedichtband der 28-jährigen, „Streumen“, handelt vom Ungefähren. Ein Großteil der spartanisch angelegten Gedichte zeichnet die Konturen des Nichtsagbaren nach. In Darmstadt hat man nicht begriffen, dass der Autorin weder an Klarheit noch an Schärfe gelegen ist, sondern daran, das Herantasten an diesen Punkt sichtbar werden zu lassen. In der Ortsbezeichnung „Streumen“ (ein Nest in Sachsen) schwingt so sehr ‚träumen’ mit, auch ‚strömen’ und ‚streunen’: emotionshaltige Bewegungswörter. Das ‚Strömende’ an „Streumen“ zeigt sich formal auch in ganz bewusst nichtaufgelösten syntaktischen Strukturen, offenen Satzenden oder -anfängen. „die versessenen gesten der trauerweiden“, „das fischen nach sätzen“, dem Umranden von Anwesendem, aber eben nicht Sichtbarem. Vor allem im ersten Teil des Buchs ist von der Einsamkeit einer wirklich erfahrenen oder auch nur erdachten Heimat die Rede: „im juli// war der teer feucht und leer.../ hörbar/ war jeder schritt, bis der august mit maschinen/ das, was schon rauschte, zerschnitt.“ Hier feiert die Autorin eine Melancholie der Provinz, und Provinz bedeutet klar auch Provenienz, also Herkunft des Herzens. „in streumen ist es wie überall,“ Streumen ist der Ort, an dem die Schranke immer unten ist. Was inhaltlich dokumentiert wird („an genau dieser stelle versickert das glück“ – „im anflug zu einem satz/ übers wetter, gibt es hier, es gibt nichts zu sagen“), erhält einen Widerpart konzentrierter Bewegung in dem Bogen, den die Gedichte über die Kapitel hinweg schlagen. Einige Texte sind sowohl eigenständig als auch als Strophe einer poetischen Folge, als Teil ein und derselben Szenerie lesbar. Im Gegensatz zu Pelnys Poemen jedoch bleiben Sandigs Gedichte selten Versatzstück, selbst wenn sie sich (wie „silvesterraketen“) gut zur Weiterverarbeitung durch Musiker und Remixer eigneten.

Das Gegenüber als blinder Fleck

Nicht ganz bedenkenlos ist „Streumen“ in einen Naturlyrikkatalog einzuordnen, noch ungewisser aber in jenen der Liebesgedichte. Als Leser habe ich eine Vermutung: Es geht viel um „schwesterlichkeit“, um eine etwas verschwiemelte „geschwisterlichkeit der mauersegler“, und ich bin froh, eines der wenigen „du“ in dem Buch entdeckt zu haben. Dennoch: Mit der Benennung des „du“ wird, dem Grundgedanken des Bands entsprechend, gerade dessen Abwesenheit kenntlich. Abwesenheit von Männern auch, von maskulin assoziierten Elementen. „wenn du nicht da bist, bist du nirgends zu sehen.“ Das Gegenüber als blinder Fleck; und „das taube gefühl kommt nicht von irgend / woher“, denn wenn „ich dich und sobald du mich siehst, / geblendet vom blitzen, vom rätseln, vom sitzen im licht“, bilden sich Schlieren. Die Konturen des Nichtsagbaren werden selbst wieder undeutlich und gehen über ins Phantasma. „am morgen finde ich netze im garten: feucht noch, zerfleddert,/ insektenflügel“ – und Reste von Retina, möchte man hinzufügen.
Trotz kleinerer Unreinheiten wie z.B. einer Bedeutungsverwischung von „farbig“ und „farblich“ oder unmotivierter Zeitenwechsel, gelingt es Ulrike Almut Sandigs Gedichten, wenigstens einen Teil des Hungers zu stillen: „dieser hunger ist der rest eines alten versprechens.“ Die Autorin wirft keine Kamellen ins Wasser, sie weist mit ihren Unscharfstellungen auch nicht nur auf nicht (mehr) vorhandene Vergangenheiten, sondern von hier aus in die Zukunft: „Streumen“ ist in sich selbst bereits die Andeutung einer Zukunft, des Findens eines noch eigeneren Tons, die Präzisierung eines Gefühls für eine Leerstelle. In dieser Hinsicht handelt es sich um gute Gedichte.

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streumen von Ulrike Almut Sandig, 2007, Connewitzer2.)

streumen.
Gedichte von Ulrike Almut Sandig (2007,
Connewitzer Verlagsbuchhandlung).
Besprechung von Heiko Bolick, Olten/Schweiz für Amazon.de, 13.03.2008:

In Streumen träumen und streunen

Ulrike Almut Sandig wurde 1979 im sächsischen Großenhain geboren und hat 2006 mit "Zunder" den Meraner Lyrikpreis erhalten, was eine kleine Sensation im Literaturbetrieb ist, da es sich nicht um einen Nachwuchsförderpreis handelt. 2007 erschien "Streumen", ihr zweiter Lyrikband. Bei der diagonalen Durchsicht habe ich zuerst an die typischen Halbsatzgedichte des Leipziger Literaturinstituts, wo die Autorin seit 2004 studiert, gedacht, doch eine nähere Betrachtung hat mich ganz schnell eines Besseren belehrt. Überraschend frisch kommt schon die formale Gestaltung daher. Die Titel sind fett gehalten, aber nicht immer über, sondern oft auch im Text. Auffällig auch die graphische und nicht sprachliche Verwendung von einfachen und doppelten Anführungsstrichen neben weiteren Spielarten der Darstellung. Genial finde ich, dass einige Gedichte im Querformat gedruckt wurden. Damit erspart man sich die hässlichen Zeilenumbrüche, mitten in der Strophe. Das schmale Buch ist sorgfältig gedruckt schön aufgemacht. - Der Titel "Streumen" hat mich irritiert. Das klingt nach "streunen" oder "träumen" und im polyglott gewordenen Lebensumfeld ist es nicht abwegig an Männer zu denken, die irgend was streuen, immerhin findet man auf Seite 14 das Wort "Salz", gross geschrieben, was dann ja zum Bild passt. Nun ja, Streumen ist eine Ortschaft in Sachsen. Ein realer Ort also, der aber in der Dichtung schnell Imagination und Sehnsucht wird, durchaus romantisch, aber ohne blaue Blumen. - Bei der Lektüre der (von einzelnen Worten abgesehen) klein geschriebenen Gedichte tauchen schnell eine Hand voll Themen auf: Kindheit, russisches Militär, Schule, Mädchen, Missbrauch, Mutter, Heimat, Geborgenheit und Liebe. Am Anfang bewerkstelligt sich diese Sinnfindung schnell, später weniger. Der Knoten lässt sich nicht mehr lösen. Aber ist das überhaupt notwendig? Kein geringerer als Paul Celan empfahl einem Sinnsuchenden bei seinen Gedichten: Lesen, lesen, immerzu lesen. - Moderne Lyrik zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie Sprache nicht nur als Instrument, als Transportmittel für schon bestehende Bilder und Ereignisse nutzt, sondern auch, um sich auf die Suche zu begeben, unterwegs zu sein, zu entdecken und zu schaffen. Vollends nachvollziehbar wird dieser zweite Ansatz, wenn man weiss, dass Ulrike Almut Sandig zusammen mit ihrer Kollegin Marlen Pelny über mehrere Jahre hinweg an allen möglichen Stellen in Leipzig eigene und fremde Gedichte an Ampelpfosten, Stromkästen und anderen Orten aufgeklebt hat und der vorliegende Band auf dieser Basis entstanden ist. An den Klebearbeiten hat sich zeitweilig auch der Verleger der Autorin beteiligt.

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