Und an die Liebe denke ich von Cornelia Manikowsky, 2017, Hammer+VeilchenUnd an die Liebe denke ich.
Prosa von Cornelia Manikowsky (
2017, Edition Hammer+Veilchen).
Besprechung von Hellmuth Opitz für LYRIKwelt.de, November 2017:

Konzentrate intensiver Wahrnehmung
Cornelia Manikowsky’s Kurzprosaband „Und an die Liebe denke ich“

Nichts soll den präzisen Blick dieser Autorin stören, nichts ablenken von der Bilderflut, die dieser Blick evoziert – vielleicht ist deshalb das Cover des Bandes in einem geradezu penetrant schlichten, motivlosen Weiß gehalten. Nicht mal das Verlagssignet der Edition Hammer & Veilchen, in dem dieser Band erschienen ist, taucht dort auf. Die Edition hat sich auf Kurzprosa spezialisiert und um solche handelt es sich hier tatsächlich. Meist nur einseitige Textblöcke, die in sechs thematische  Kapitel gestaffelt sind, hinzu kommen einzelne, frei flottierende Texte. Es sind in erster Linie Erinnerungen, vornehmlich an die Kindheit, an Reisen in den Osten oder nach Afrika, ans Unterwegssein, aber auch an Liebe und Sehnsucht.  Cornelia Manikowsky gelingt es, diese Prosastücke vom Eindruck sentimentaler Rückblicke zu lösen – und zwar durch den einfachen stilistischen Kniff, diese Erinnerungen weitgehend im Präsenz zu erzählen. Das schafft Unmittelbarkeit und Zugänglichkeit für den Leser. Was kennzeichnet die Prosa der 1961 geborenen, in Hamburg lebenden Autorin? Es ist der weitgehende Verzicht auf Deutungen und metaphorische Überhöhungen, Cornelia Manikowsky scheint einfach das zu protokollieren, was sie sieht. Trotz dieser scheinbaren Selbstbeschränkung entwickeln ihre Sätze einen suggestiven Sog.

Besonders prägnant gelingt ihr das in einem der längsten Texte dieses Bandes, dem über mehrere Seiten gehenden Stück „Weil wir Kinder waren“, das im Gegensatz zu anderen Prosastücken ausnahmsweise im Präteritum gehalten ist: „Weil wir Kinder waren, weil wir alles sehen und alles hören und alles riechen und schmecken und haben und anfassen und in den Mund stecken und für uns behalten wollten, festhalten, die ganze Welt und noch viel mehr und sofort und immer, weil wir alles benennen und verstehen und für alles Wörter haben wollten, weil wir die Welt waren und die Welt aber viel größer war, weil die Mutter nicht da war oder nicht zuhörte und an etwas anderes dachte…“ Auf den ersten Blick liest sich das wie eine bloße Aufzählung, die durch das permanente „und“ auch noch recht eintönig verknüpft zu sein scheint. Spricht man diese wenigen Zeilen aber einmal vor sich hin, fällt auf, wie geschickt hier das atemlose, typische Er- und Aufzählen eingefangen scheint, mit dem Kinder Aufregendes mitzuteilen versuchen. Da wird das „und“ zu einer Art Mantra, das den Trance-Charakter dieser Prosa noch verstärkt. Raffiniert auch die Umkehrung der Sprechhaltung:  Klassischerweise bestürmen Kinder die Erwachsenen mit Warum-Fragen, auf die diese dann mit Kausalsätzen antworten, die zumeist mit „Weil“ beginnen. Der Erinnerungssog dieses Stücks verknüpft aber lauter Weil-Sätze in der Diktion von Kindern, obwohl sie doch von einem Erwachsenen im Rückblick geschrieben wurden. Das konventionelle Frage-Antwort-Prinzip wird hier zu einem selbstgewissen Memory-Spiel, zu einem in Prosa verwandelten langen Zauberspruch zur Beschwörung der Vergangenheit.

Auch wenn die Beschreibungen von äußeren und inneren Eindrücken von Cornelia Manikowsky sehr präzise in Sätze gefasst werden und im Zweifelsfall der stimmige Eindruck immer einer eindrücklichen Stimmung vorgezogen wird, haftet den Stücken doch eine gewisse Melancholie an. Das gibt dem Band eine stilistische Klangfärbung und verhindert, dass die thematisch heterogenen Stücke auseinanderdriften. Ihre Gabe exakter Beschreibung bewirkt, dass selbst scheinbar tausendmal erzählte Motive wie das Fahren einer Windbö in einen Baum und das Fallen der Blätter neu mit Spannung aufgeladen werden. Berührend auch das Stück am Ende über das Sterben des Vaters, wo es Cornelia Manikowsky schafft, ihre Konzentrate intensiver Wahrnehmung so zum Leben zu erwecken, dass man die Geräusche, den Geschmack und die Gerüche dieses Tages geradezu sinnlich verspürt. Prosa ist eigentlich ein viel zu prosaischer Ausdruck für das, was der Autorin mit diesem Band gelingt – das Verfassen wunderbar poetischer Protokolle.

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