Ungeteerte Straßen von Gérard Scappini, 2017, PendragonUngeteerte Straßen.
Gedichte von Gérard Scappini (
2017, Pendragon-Verlag).
Besprechung von Hellmuth Opitz für LYRIKwelt.de, Juli 2017:

Poetische Erinnerungskondensate
Gérard Scappinis Debütband „Ungeteerte Straßen“

In einem Song von Bruce Springsteen lautet die Zeile des Refrains: „We’ve been traveling on a rocky ground, rocky ground...“, frei ins Deutsche übertragen etwa: „Wir sind unterwegs auf holprigem Untergrund.“ Während es sich bei Springsteen um einen von religiösen Motiven durchzogenen Songtext handelt, der die Skepsis und Zweifel im Glauben besingt, bezieht sich die Poesie von Gérard Scappini auf die Erinnerung an die Kindheit. Aber auch da geht es um den holprigen Untergrund, auf dem so ein Lebensweg starten kann. Dementsprechend trägt der Band von Scappini auch den schönen Titel „Ungeteerte Straßen“, Untertitel: ‚Eine Kindheit in Frankreich’. Ganz bewusst fehlt auf dem Cover der Begriff ‚Gedichte’, obwohl auf der Klappenrückseite durchaus die Rede von Gedichten ist. Denn formal handelt es sich eigentlich um eine mäandernde Prosa bzw. ein einziges Langgedicht, das sich in 57 poetische Konzentrate aufteilt, verdichtete Szenen einer sehr sinnlich und anschaulich skizzierten Kindheit. Man darf davon ausgehen, dass diese Szenen weitgehend autobiographisch sind, zu augenscheinlich sind die Parallelen: Gérard Scappini, 1947 in Toulon geboren, hat italienische Wurzeln. Er schlüpft in die Rolle des Pascal Napolitana, eines Jungen, der Sohn einer Französin und eines italienischstämmigen Vaters ist. Die Familie hat es nicht einfach, lebt am Existenzminimum. Der Alltag ist entbehrungsreich, sodass der Vater gezwungen ist, an kalten Winterabenden sogar das Spielzeug des Sohnes zu verheizen:

Pascal, ruft Papa,
gibst du mir dein Boot?
Ich kauf dir später ein neues,
stammelt er,
das Feuer will ich anzünden,
aber ohne Holz schaffe ich es nicht, verstehst du?
Still
bleibe ich,
schaue ihn an,
nicke,
hole mein Segelschiff,
das letzte Geburtstagsgeschenk Omas,
aus der Spielzeugkiste
und händige es Papa wortlos aus.
Stolz
bin ich,
ihm helfen zu können

und beobachte schluchzend
wie mein Boot knisternd
völlig verbrennt.

Eine eindrückliche Szene. Formalisten, die jetzt einwenden mögen, das Ganze sei ja doch Prosa, die willkürlich in Zeilen gebrochen werde, sei gesagt, dass dieser Umbruch durchaus eine poetische Komposition aufweist. Allein zu sehen, welches stabile Scharnier die beiden Adjektive „Still“ und „Stolz“ hier bilden, zeigt, dass Scappini die Achsen des Gedichtes auch formal sehr gut austariert. Ihm gelingt es auch, mit wenigen lyrischen Strichen die Personen plastisch hervortreten zu lassen. Hier den jähzornigen, bisweilen brutalen Vater, einen ehemals begnadeten Rugbyspieler, der zwar nur einfacher, schlecht verdienender Arbeiter ist, aber Stolz und Klassenbewusstsein besitzt, dort die großherzige, liebevolle Mutter, die insgeheim von einem Aufstieg in die Mittelklasse träumt. Auch die kleine Schwester, Tanten Omas, Pastor, Lehrer und Schulfreunde gewinnen in den Szenen anschaulich an Gestalt. Im Zeitraffer durchlaufen diese poetische Verdichtungen prägnante Phasen von Kindheit und Jugend bis hin zu den Ausläufern der Pubertät, dem zarten Interesse am anderen Geschlecht, den ersten sexuellen Erfahrungen. Schönheit und Schrecken, Zärtlichkeit und Brutalität, Vergnügen und existenzielle Notlagen gehen dabei Hand in Hand. Stilistisch kommt Scappini ganz ohne große metaphorische Kulissenschiebung aus, keine opulenten Bilder verstellen die Wahrnehmung, er setzt ganz auf die authentische Kraft des Erlebten. Gérard Scappini gelingt es mit diesem Band, dem Leser innerhalb kurzer Zeit – im Rahmen einer intensiven Nachmittagslektüre – eine ganze Kindheit in beeindruckenden Erinnerungskondensaten poetisch-plastisch vor Augen zu führen. Chapeau!

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