Von nah und fern.
Neue Wortdichte von Ales Rasanau (2016, Verlag Logvinau).
Besprechung von Ilma Rakusa in Neue Züricher Zeitung vom 2.2.2017:

Der Weissrusse Ales Rasanau dichtet auf Deutsch
Staunende Stauden

Es fällt schwer, den Weissrussen Ales Rasanau in seinen Gedichten als Nicht-Deutsch-Muttersprachler zu erkennen. Hier lotet einer den Raum einer anderen Sprache aus und bleibt doch ganz er selbst.

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug.

Souveränes Spiel mit Registern

1947 in der Nähe von Brest geboren, wuchs Rasanau mit den Klängen der weissrussischen Dorfsprache auf, die schon seine ersten Schreibversuche bestimmte. Als Philologiestudent protestierte er nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag gegen die offizielle Russifizierungspolitik und wurde von der Universität Minsk relegiert. Eine Zeitlang arbeitete er als Dorflehrer, später als Zeitschriftenredaktor und Übersetzer, doch in der Hauptsache widmete er sich der Dichtung: Poemen, gleichnishaften Prosaminiaturen, aphoristischen Reflexionen und haikuartigen Kürzestgedichten.

Obwohl er politische Inhalte mied, trugen ihm nach Lukaschenkos Machtübernahme 1994 einige allegorisierende Texte mit regimekritischem Unterton jahrelanges Publikationsverbot ein. Ab 1999 weilte Rasanau auf Einladung häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo einige seiner Bücher in deutscher Übersetzung erschienen und wo er den Versuch unternahm, Kurzgedichte auf Deutsch zu schreiben. «Wortdichte» nannte er diese Miniaturen, die nun, durch neue Proben ergänzt, unter dem Titel «Von nah und fern» einen aparten Band der Minsker Werkausgabe bilden. Rasanau spielt so souverän auf den Registern der deutschen Sprache, dass es einem schwerfällt, ihn nicht als Muttersprachler anzusehen. Vor allem aber bleibt er sich auch in der Fremdsprache treu.

Paradoxie und Kippeffekt

Seine besondere Begabung, in drei- bis fünfzeiligen Gedichten, die er weissrussisch «Punktierungen» nennt, Naturbeobachtungen, beiläufige Szenen und Minimalereignisse in Worte zu fassen, kommt auch im Deutschen voll zur Geltung. Lakonie, gepaart mit Tiefsinn und Humor, ist Rasanaus Markenzeichen. Nicht zu vergessen: seine Freude an der klanglichen Seite der Sprache. Er spielt mit Assonanzen und Wortwurzeln, mit Reimen und Andeutungen, freilich nicht aus Selbstzweck, sondern um dem Gegenstand auf die Pelle zu rücken, ihm seine «Essenz» zu entlocken.
Sprachliche Verdichtungsarbeit zielt hier darauf ab, Wesentliches zutage zu fördern, und zwar ohne didaktischen Fingerzeig. Mit feinem Blick und Gehör versucht Rasanau, im Besonderen das Allgemeine, im Zufälligen das Gesetzmässige aufzuspüren, und sei es über eine paradoxe Wendung oder einen wortspielerischen Kippeffekt.

Zum Beispiel so: «Der Raum ist krumm: / Der Regen / kümmert sich nicht / darum.» Oder: «Der Sturm – / abgeflaut: / Die Stille wird laut.» Auch metonymisch: «Ich warte auf den Bus: / Minuten / treten von einem / auf den anderen Fuss.» Besonders einprägsam: «Der Reiher erstarrt im Weiher: / Welche / Lichtbrechung wird Fisch?»

Rasanau hat sich hinreichend mit fernöstlicher Poesie beschäftigt, um zu wissen, dass das Grosse im Kleinen steckt und das scheinbar Einfache tiefgründig sein kann. Unprätentiös richtet er seine Aufmerksamkeit auf Alltägliches: «Vom Kulm bis zur Kuhle: / Den Abstand / misst der Stein / kullernd.» «Ein bisschen im See, / ein bisschen am Ufer – / die Binse besinnt sich: ‹Ich bin . . .›» «Spriesst aus dem Innern? / Das Gras / spricht mit den Ruinen.»

Bei sich selbst geblieben

2007 veröffentlichte Rasanau bei Urs Engeler seine in Zug entstandenen Punktierungen «Das dritte Auge», auf Weissrussisch und in deutscher Übersetzung. Unvergesslich das Gedicht: «Regen: / Der See / unter Akupunktur.» Doch die original auf Deutsch verfassten Miniaturen stehen den weissrussischen kaum nach. Hier hat einer die Möglichkeiten einer anderen Sprache subtil ausgelotet und ist dabei er selbst geblieben, ganz und gar.

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