Walter Nowal bleibt liegen von Julia Wolf, 2017, FVAWalter Nowak bleibt liegen
Roman von Julia Wolf (
2017, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 14.06.2017:

Gedankenflut eines Männerlebens
Julia Wolfs Roman "Walter Nowak bleibt liegen" nähert sich einem Alphatier

Da wird einer über 70 und hat noch immer keine Ahnung von sich. Walter Nowak, Strohwitwer für ein Wochenende, geht baden, im wahren und übertragenen Sinne: Im Strom seiner Gedanken überlappen sich ein Unfall im Schwimmbad und ein Unfall im eigenen Badezimmer, der ihn letztlich auf den Boden der Tatsachen zwingt. So liegend, ergibt sich reichlich Zeit zum Nachspüren des eigenen Lebens: von der Scheidung von Ehefrau Gisela über die verpatzte Beziehung zu Sohn Felix, über die eigene Mutter und den unbekannten Vater, mutmaßlich US-Soldat – und über die Beziehung zur pferdeschwanzschwingenden Yvonne, die ihn einst aus dem Eheleben katapultierte. Blöd nur, dass der Zopf längst ab ist.

Julia Wolf, Jahrgang 1980, fühlt sich ein in die Gefühlswelt eines erfolgsverwöhnten Alphatieres, das erstmals mit Schwäche und Scheitern konfrontiert wird. In Stakkato-Sätzen reißt sie ihre Leser mit in die Gedankenflut des am Boden Liegenden. Die Kindheit in den 50ern mit einer alleinerziehenden Mutter, die für Elvis schwärmt – sie führt in mäandernden, sich selbst unterbrechenden Sätzen zu einer Reise nach Memphis, die Walter mit Yvonne und seinem mürrischen Sohn Felix unternimmt: „Das hätte auch alles schön sein können. Mit etwas mehr Wille, die Zeit unseres Lebens. Sicher habe ich nicht alles richtig, kein Mensch ist perfekt.“ Die Kneipenabende mit Walters Kumpeln wiederum münden in eine Szene, in der Yvonne einen Freund Walters um Spenden für ihren „Menschenrechtsverein“ angeht: „Yvonne weiß, was sie will, wieso wundert mich das?“ So, wie sie einst petticoatschwingend als Stadtführerin über Elvis plauderte und den prominenten Zeitzeugen Walter Nowak dazu einlud.

Auf nur rund 150 Seiten entwirft Julia Wolf das vielschichtige Panorama eines Ex-Macholebens, reißt hier Szenen an, dort alte Wunden auf, um schließlich zum Kern (der dramatisch schlechten Vater-Sohn-Beziehung) vorzudringen. In seiner Machart erinnert dieses Umkreisen an Nina Bußmanns Roman „Große Ferien“, hier zupfte und rupfte ein alternder Lehrer an des Lebens Unkraut herum.

Auch Julia Wolf, die in ihrem Debütroman „Alles ist jetzt“ eine gleichermaßen unreflektierte Frauenfigur sezierte (um dem Bild männerhassender junger Autorinnen entgegenzuwirken), lässt die Metaphern und Bilder ihrer Bäderwelt nicht ungenutzt vorbeiziehen. Ihr Walter ist ein Narziß am Beckenrand, der noch jeder Susanna im Bade hinterherspäht, trägt sie nur einen Pferdeschwanz.

Für einen Auszug aus dem Roman erhielt Wolf einen der renommierten Nebenpreise beim Bachmannpreis; am Freitag diskutiert Volker Weidermanns Literarisches Quartett das Buch. So beginnen Karrieren. Diesmal: zu recht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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