Weisse Reiher von Derek Walcott, 2012, Hanser

1.) - 4.)

Weiße Reiher.
Gedichte von Derek Walcott (2012, Hanser - Übertragung Werner von Koppenfels).
Besprechung von
Jürgen Brôcan in der Neue Zürcher Zeitung vom 6.11.2012:

Hotels und Archipele
Ewig staunend – Derek Walcotts Gedichtzyklus «Weisse Reiher»
 
Weisse Reiher, das sind einige Vertreter der Gattungen Ardea und Egretta, Silberreiher, Seidenreiher, zuweilen auch verwechselt mit den weissen Populationen des Kandareihers, der ausschliesslich in der Karibik und in Florida heimisch ist. Weisse Reiher sind auf der gesamten Welt verbreitet und für ihre Wanderbewegungen bekannt, so verwundert es nicht, dass man sie auch in Derek Walcotts Gedichten allenthalben antrifft, als Symbol der Kontinuität und dichterischen Freiheit. Denn in seinem jüngsten auf Deutsch erschienenen Band ist der Autor wiederum auf mehreren Kontinenten unterwegs, und die grosse Kunst dieses Spätwerks besteht darin, aus scheinbar beiläufigen Erlebnissen, Beobachtungen und Einsichten Gedichte von intensiver Leuchtkraft zu schaffen.

Diese Reiher, staksende Schreitvögel mit einem Gefieder, das mit der Weisse des Papiers unmittelbar assoziiert ist, begleiten Walcott auf seinem autobiografischen Gang. «Nimm alles hin im ausgewogenen Satz» («Accept it all with level sentences») ist eine ihrer ersten Lektionen, aber eben auch die anmutige Eleganz, die genaue Beschreibung, gepaart mit mystischem Wissen, die federleichte Aufhebung der Sterblichkeit. Walcott scheint indes bevorzugt ihre Bewegung auf dem Boden zu imitieren, denn die scheinbare formale Strenge der Gedichte ist stets nur angedeutet und immer durchbrochen, aufgestört – unreine Reime als Hinweise auf eine Suchbewegung, Selbstbefragung, ironische Stellungnahme. Tabus gibt es dabei keine, weder Altersgebrechen und Altersgeilheit noch Zorn oder Zweifel, auch wenn manches milder und versöhnlicher klingt als in den früheren Bänden.

Dass Gedichte eigentlich eine Verknüpfungskunst sind, zeigt Walcott sowohl in Bildern als auch expressis verbis: «Mein Handwerk und mein Handwerkswissen stellt / Parallelen her zu jedem Gegenstand, das Wort / und sein Wortschatten machen, dass eine Sache sie selbst / und etwas anderes ist.» Das könnte eine Binsenweisheit sein, wenn Walcott nicht sofort den Beweis anträte und im Matterhorn vor seinem Hotelzimmer in Zermatt in einem blitzhaften, geradezu epiphanischen Moment den Petit Pinon seiner Heimatinsel St. Lucia erblickte. Wie Archipele aus dem Meer erheben sich die Ähnlichkeiten der Alten und der Neuen Welt vor dem Dichter, und man könnte darin zuweilen einen politischen Kommentar sehen; denn das «Phantom des Empire» schaut dem Dichter nicht selten über die Schulter, bald als Bürde der Geschichte, bald als Liebe zur englischen Literatur.

Walcott ist ein Weltgewandter, unterwegs in den Europa und Nordamerika, zu Hause jedoch in der Karibik. Ob nun von der Hotelterrasse aus oder im Rollstuhl, der Dichter ist ein Reisender, den die Ränder faszinieren, die Meeressäume zumal, die Berührungsflächen von Natur und Kultur. «Bei Regierungswechsel kein Wechsel im Zirpen der Grille», heisst es einmal lakonisch, und es ist keine Frage, in welcher Sphäre das wirklich Bleibende herrscht. In solchen Momenten, die nach Bilanz und Rückschau verlangen, öffnet Walcott noch einmal den Blick auf das Neue, Unverbrauchte, auf die kleinen Dinge, die eigentlich die grossen sind: «Ein Ideal, das ewig Staunen heisst.» Dabei ist mit dem Schrecken der Ehrlichkeit zu rechnen.

Die Übertragung führt den Leser sehr verlässlich durch die verdichtete, nuancenreich aufgeladene, Parlando und hohen Stil vermischende Sprache Walcotts, auch wenn sie zusätzliche Widerstände bietet, einige Male den Vergleichspartikel «wie» und ausserdem zwei Zeilen des Originals unterschlägt. Man ist also für die zweisprachige Ausgabe dankbar, denn sie bedeutet und verheisst doppelten Genuss.

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Weisse Reiher von Derek Walcott, 2012, Hanser2.)

Weiße Reiher.
Gedichte von Derek Walcott (2012, Hanser - Übertragung Werner von Koppenfels).
Empfehlung von Michael Braun, 2013
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In seinem monumentalen Versepos Omeros (1995) verherrlichte der karibische Dichter Derek Walcott die Seeschwalbe als kosmopolitischen Lotsen der Lüfte. In seinem meisterlichen Gedichtbuch Weiße Reiher (2012) ist es nun die Eleganz der Schreitvögel, die für den Dichter zum Inbegriff der "stolzierenden Vollkommenheit" werden. In 54 Gedichten erkundet Walcott in bewegenden elegischen Versen seine Lebensspuren zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Die "weißen Reiher" verkörpern dabei die Natur wie die Dichtung, sie stehen für Leben und für Tod, und ihr Weiß trägt alles in sich: das Weiß des "Seeigelbarts" des Dichters, das Weiß des Papiers, auf dem der Dichter schreibt, und die schaumige Brandung. Es ist ein Buch der Schöpfungsgeschichte und zugleich ein Requiem, Landschaftshymnus wie Großstadtpoem.

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Weisse Reiher von Derek Walcott, 2012, Hanser3.)

Weiße Reiher.
Gedichte von Derek Walcott (2012, Hanser - Übertragung Werner von Koppenfels).
Empfehlung von Harald Hartung, 2013
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Der achtzigjährige Derek Walcott, der große karibische Dichter und Nobelpreisträger des Jahres 1992 hat in den 54 Gedichten des Bandes Weiße Reiher (White Egrets) ein Werk von großer Souveränität und Leuchtkraft geschaffen. Die Verluste des Alters erscheinen im Licht einer unverlorenen Schöpfung. Werner von Koppenfels hat Walcotts gebrochenen und spannungsreichen Ton kongenial ins Deutsche gebracht. Besonders zu loben: Die Ausgabe ist zweisprachig!

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Weisse Reiher von Derek Walcott, 2012, Hanser4.)

Weiße Reiher.
Gedichte von Derek Walcott (2012, Hanser - Übertragung Werner von Koppenfels).
Empfehlung von Kristina Maidt-Zinke, Januar 2013
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Derek Walcotts Weiße Reiher überfliegen die Alte und die Neue Welt, sie transportieren Traumfragmente, Reise- und Liebeserinnerungen aus einem sinnlich gesättigten Leben in poetischen Bildern von großer Eindringlichkeit und Originalität. Die ewige Bewegung des Meeres wird in diesen Gedichten hörbar, die Musik von Großstadt und Natur, aber auch der Gedanken-Sound eines eigenwilligen Geistes, der die Wirren der karibischen Kolonialgeschichte ebenso in sich trägt wie die klarsichtige Affinität zur westlichen Kultur und die iro-nische Melancholie des nahen Abschieds. Ein vibrierend vitales Spätwerk, für dessen un-verwechselbaren Ton der Übersetzer Werner von Koppenfels das deutsche Äquivalent gefunden hat. Die zweisprachige Ausgabe ist ein Juwel unter den lyrischen Neuerscheinungen des Jahres 2012.

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