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Zuletzt spricht der Fasan von Lothar Thiel, 2013, Poesie 21zuletzt spricht der fasan.
Gedichte von Lothar Thiel (2013, Verlag Steinmeier/Poesie 21).
Besprechung von Hellmuth Opitz für die LYRIKwelt.de, September 2013:

Die Lässigkeit des Weltläufigen
Lothar Thiels Gedichtband „ Zuletzt spricht der Fasan“

Wer mit knapp 60 seinen ersten Gedichtband heraus bringt, den kann man mit Fug und Recht als Spätberufenen bezeichnen. Dass man bei diesem Band als Leser trotzdem nie den Eindruck hat, einem poetischen Debütantenball beizuwohnen, spricht einerseits dafür, dass Lothar Thiel in Wahrheit gar kein Debütant ist; andererseits verdeutlicht es die Qualität seiner Poeme. Thiels Gedichte sind bereits in einigen namhaften Poesie-Anthologien erschienen sowie auf fabmuc.de, dem Blog des Literaturfestes München Auf diesem Fest im Herbst 2011 konnte ihn ein größeres Lesepublikum auch einmal live erleben. Wollte man seine Poesie auf einen Nenner bringen, so entpuppt sich das als schwieriges Unterfangen: Zu vielfältig die Themen, zu vielsprachig die Tonlagen, zu europäisch die Verortung. Aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: So vielschichtig ist auch das Lesevergnügen! Lothar Thiel, der im Baskenland, genauer: im nordspanischen Bilbao lebt, verfügt in seinen Gedichten über den beiläufigen Charme der Weltläufigkeit. Lässig streut der weitgereiste Dichter seine Flaneur-Sicht in die Gedichtanfange. Doch Vorsicht! Die scheinbare Lässigkeit ist versstreng durchkomponiert, Thiel beherrscht seine Jamben und Trochäen, virtuos jongliert er mit der Sonettform, wie in dem schon beinahe Kult zu nennenden Gedicht „Die Darmstädter Symphoniker spielen auf:“

komm mit ins große furzorchesterhaus!
der zwiebelhans spielt zärtlich die trompete:
nie inniger ein bläserklang verwehte,
denn hans holt stets das innerste heraus.

Doch lausche auch der herrlichen posaune,
die, sauerkrautbetrieben, laut ertönt.
genial, wie dieser groove das ohr verwöhnt;
er bringt uns alle in champagnerlaune.

kennst du den echten handkäs mit musik?
er ist des paukenschlägers munt’re quelle.
die streicher – darmbesaitet – steh’n bereit

ihr pizzicato knattert walzerglück. –
nun spür’ ich selbst die kreative welle.
her mit der tuba! es ist höchste zeit!

 Dieses Po-em „aus den Pforzheimer Elegien“ verschränkt in seinen 14 Sonettversen Kadenzen und Flatulenzen auf kongeniale Weise. Natürlich mögen sich jetzt manche Poesie-Puristen über „Lyrik mit Bierzelt-Themen“ aufregen. Ich sage nur: Wer bereit ist, auch mit hehren Versformen profanste Dinge zu besingen, verdient größten Respekt. Als eine Art „Dada-Kästner“ hat Matthias Politycki den Dichter Lothar Thiel bezeichnet. Und tatsächlich finden sich eine Vielzahl von Dada-Elementen in seinen Gedichten. Man betrachte nur einmal ein lautmalerisches Gedicht wie MEHL-ANN KOHLY, das mit dem Vers beginnt: „âh wy ys myr hayd so mues“ und schon gemahnt dieser klassische Weltschmerzausruf allein durch die Orthographie an mittelhochdeutsche Sangesqualitäten. Ein weiteres schönes Beispiel onomatopoetischer Ambition ist das Gedicht „Gans wi du wilsd“:

ales ist abgenuttst!
du gugs gegwält.
hass mir den gobf gebudsd
und mir des maul geschdudsd,
damid ichs halden sol, des da erdsäld:

grise der sahgbarkaid!
huhre des bildz!
scheise im wörderglaid
schvaveln aus eidelkaid! –
sack, was du dengsd, aber one gesilz!

ales ist abgenuttst!
du hass brovil.
hass mir den gobf gebudsd
und mir des maul geschdudsd,
damid ichs halden sol. jeds bin ich stil.

Das Gedicht nimmt die träge Nachgiebigkeit und Prinzipienlosigkeit des Feuilletons aufs Korn, die gleichzeitig einher geht mit ständigem Krisengerede und einem Alarmismus, der zu Abstumpfung führt. Lothar Thiel macht die beklagenswerte Laschheit des „Anything goes“ auf raffinierte Weise sichtbar. Er schickt die Konsonanten des Gedichts durch eine Weichmacher-Lauge und skizziert so ein treffliches Bild des intellektuellen Diskurses in seiner ganzen schlurfigen Pantoffeligkeit. Lesern mit Feinwahrnehmung wird dabei auffallen, dass einige Wörter von dieser Weichspülung ausgenommen sind („abgenuttst“, „sack“), Wörter, die durch ihre eigenwillige Schreibweise eine gewollte vulgäre Kraft entfalten. Der lyrische Formenreichtum des Virtuosen Thiel reicht vom  simplen Knittelvers in Gernhardt’scher Tradition wie in „Symposion über Trinkgewohnheiten“ „nie mehr sauf’ ich billigsekt/weil der echt zum kotzen schmeckt“ bis hin zur versmaßgenauen Ode „Missachtung“, die fomvollendet ihr Mitgefühl an ein reifendes Kornfeld versendet: „oh! du ahnungsschwang’res weizenfeld,/wenige wochen erst grünend,/wirst indes bös gedüngt/ vom weinselig heimwärts grölenden küster,/ der, kaum des wiesenbodens noch gewärtig,/ durch die empörte hecke brechend,/ in dir zum absturz kommt.“ Wie aus dem Handgelenk geschüttelt scheinen diese Verse, die sich mit übermütiger Spiellaune und hohem Ton den irdischen Irrungen und Wirrungen eines Betrunkenen widmen. Aus der Reibung von hohem Ton und profanem Gegenstand schlägt Thiel immer wieder auf’s Neue poetische Funken. Doch diese Funken springen auch bei seinen freien Versen über wie z.B. in dem wunderbaren Gedicht „Wassermusik“, in dem das Meer orchstrale Qualitäten gewinnt.:

der kammerchor der kleinen und mittleren wellen
mit ihren ganz individuellen
an-meine-ohren-hinplätscher-stimmchen
links und rechts und vorn und hinten.

gewiss würde ich ihnen allen namen schenken
ich würde den platz hier für allabendliche proben mieten
und sogar spezielle geplätscher- & gluckerpartituren
in auftrag geben
wenn sie nur nicht so verdammt kurzlebig wären.

Kurzlebig sind die Verse von Lothar Thiel keinesfalls. Sie setzen sich fest wie die Hooklines eines guten Popsongs. Und so gelungen, abwechslungsreich und im besten Sinne unterhaltsam ist sein ganzer Gedichtband

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2.)

Zuletzt spricht der Fasan von Lothar Thiel, 2013, Poesie 21zuletzt spricht der fasan.
Gedichte von Lothar Thiel (2013, Verlag Steinmeier/Poesie 21).
Besprechung von Wolfgang Baier für die LYRIKwelt.de, Oktober 2017:

lothar lässt den leser (ver)zweifeln
Und das nicht nur einmal! 69 lyrische Texte vereinigt er in dem Bändchen. Es ist ihm Bühne für die Präsentation seiner Lyrik.

Lothar Thiel provoziert, führt den Leser mit den ersten Versen in die Irre, um ihn mit den letzten schmunzelnd zu versöhnen. Er liebt die Verwirrung, lotet Grenzen aus, inhaltliche wie sprachliche. Die Assoziationsfähigkeit seines Lesers setzt er voraus.

Sprache ist Klang. Das haben sich die Konstruktivisten auf die Fahnen geschrieben. Schreibe wie du sprichst: „gans wi du wilsd“. Lothar Thiel setzt es konsequent um. Die Eltern vieler ABC-Schützen sind entsetzt. Mit dem „oulipo(e)tischen egotrip“ treibt er es auf die Spitze. Mathematisch strukturierte Poesie, experimentelle Poesie, als stammten die Verse aus dem „Haus der elektronischen Künste“: abwechslungsreich, humorvoll, immer semantisch mehrdeutig und rätselhaft.

oel! – oel! – reite haerter, heiterer ritter!
herr heller erhielt heile reittiere.
eile, oller treter: italia litt hart!
ei! leittier trat teller …

Lyrik als Mathematikaufgabe! Es macht Spaß, an der Lösung zu arbeiten.

Sprache ist Identität. Seine schwäbische will Lothar Thiel nicht verbergen. Deutlich sind die Anspielungen, Doppeldeutigkeiten. So wird die „kontaktanzeige“ „sensible wäge“ (hochdeutsch: Wege) wohl nur in der Rems-Zeitung oder dem Schorndorfer Tageblatt das Interesse einer einsamen Dame wecken, denn da ist von „äbber“ die Rede, d.h. von jemandem, wie sich der Werber präsentiert. Über einen Fisch, dem man übel mitgespielt hat und der nun im Sand langsam verwest, macht er sich Gedanken: „kein wunder, wenn er allmählich ‚grätig‘ wird. Ein solches Schicksal muss einen auch „ärgerlich“ stimmen, wie es nur der Schwabe versteht. Derbheit und Deftigkeit prägen manche Texte: „Die Darmstädter Symphoniker spielen auf“ - auf ihre Weise -, nachdem sie zwei typisch süddeutsche Gerichte zu sich genommen haben .Ein schwäbisches: Sauerkraut Und ein hessisches: Handkäs mit Musik. Dem schwäbischen Idiom wohnt nun mal ein bisschen Vulgäres inne.

Beeindruckend ist, welch unscheinbaren Dingen des Universums Lothar Thiel mit Versen Aufmerksamkeit schenkt. Zum Beispiel einer hölzernen Dachschindel. Es dürfte sich wohl um das einzige Gedicht weltweit handeln, das dem Wohl und Wehe einer Schindel gewidmet ist. Oder einer schwarzen Pfütze in der Nacht, in der sich eine Leuchtschrift spiegelt und „leiser abendwind bläst trübnis herbei, nahend wie unheil“. Sieben Verse nur und doch ein Wortgemälde!

Lothar Thiel ist sich der Grenzen der Deutung zeitgenössischer Lyrik wohl bewusst. Er gönnt dem Leser ein Durchatmen, ein Innehalten. Immer im richtigen Moment. Geschickt streut er kurze Gedichte ein, die an Loriot oder Heinz Erhard oder Morgenstern erinnern. Wie den „Adventskannibalismus“:

Ja, mein guter nikolaus,
jetzt hauchst du dein leben aus.
Schon beiß´ ich dir in die wade,
denn sie ist aus schokolade.
kurz war deiner tage glück,
nur ein glöckchen bleibt zurück.

Auch streift er, hier schokoladig, wohl dosiert und sensibel, erotisches Terrain. Dann nimmt er die Verrätselung zurück – und wird direkt.

„AUF DEINER SCHOKOLADENHAUT“
auf deiner schokoladenhaut
verdunsten finale askesen.
vor deiner gold´nen honighaut
zerfließen erhabenste Thesen.

Die Verzückung des lyrischen Ich kennt kaum Grenzen. Der Duft von Mango- und Rosenhaut steigert die Synästhesien. „ … um dann in deiner rosenhaut/ von allem frust zu genesen“.

Lothar Thiel ist ein Meister der Form. Das zeigt er beispielsweise in „Ahnung einer Antwort“. Der Text umfasst 9 Verse in freien Rhythmen. Er wählt die Bauform des Akrostichon, welches im griechischen Orakel seinen Ursprung hat. Die jeweils ersten Worte der 9 Verse, senkrecht gelesen, ergeben einen Satz, dessen Inhalt sich im Gesamttext widerspiegelt.

Doch das Sonett hat es ihm besonders angetan. Siebzehnmal wählt der diese Form. Er hält sich an die Vorgaben der Poetik, variiert sie aber auch, wo er es für notwendig erachtet. In „traum von einem essen“ hebt das lyrische Ich an – „mir war als schrieb´ ich ein gedicht“ (V1) –, um sich gleich mit dem zweiten Vers in surrealen Bildern auszutoben:

als fräß´ ein zebra schwalben                 V2

als flög´ zu mir ein mondgesicht             V3

die katze läg´ gebraten                              V7

zu füßen einer inderin                              V8

die rieb´ genüsslich sich das kinn                      V9

bereit zu leibestaten                                  V10

mir war als schlösse nun mein lied        V11

die katze höb` ihr augenlid                                  V13

das zebra schiene ihr morbid                   V14

 

Der Abgesang reicht nicht, um diesen Alptraum zu beenden. Ein 15. Vers muss her: „und ich zerriss´ ein fädchen“ (V15). Ein Genuss ist der Konjunktiv II, der hier in seiner Ballung vor allem starker Verben das Surreale auf die Spitze treibt.

Hellmuth Opitz kommentiert auf dem rückwärtigen Einband, Lothar Thiel habe wunderbare Fallhöhen zwischen strenger Form und losen Inhalten geschaffen.

Recht hat er!

Ein Schmunzelbändchen für Freunde der Chiffre, der phonetischen Poesie, der Absurdität und der Nachbarschaftslyrik mit Köpfchen!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionenwelt.de]

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